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Gewinner des Ölpreisanstiegs

ddp - Mittwoch, 23. Juli, 11:45 Uhr

Cölbe (ddp-hes). Die steigenden Öl- und Gaspreise bescheren der Solarbranche Wachstumsraten, von denen andere Wirtschaftszweige nur träumen können. Eine Steigerung von 60 bis 70 Prozent bei den Sonnenkollektoren verzeichnet das Solartechnik-Unternehmen Wagner & Co aus Cölbe bei Marburg, einer der führenden Hersteller von solarthermischen Anlagen. Die Nachfrage ist so groß, dass die Kunden mit Lieferzeiten von sechs bis acht Wochen rechnen müssen. In den Produktionshallen sind Überstunden an der Tagesordnung.

Damit das nicht so bleibt, baut das Unternehmen für mehr als sechs Millionen Euro eine neue Fabrik in der Nachbarstadt Kirchhain. Am 2. Oktober soll die energieautarke Solarfabrik in der Sonnenallee 1 eröffnet werden, in der bis zu 250 000 Sonnenkollektoren jährlich gebaut werden sollen. Bislang wird noch nicht einmal halb so viel produziert.

Der Boom kam unerwartet, erzählt Geschäftsführer Klaus Schweitzer. Er weiß aber: «Wenn die Ölpreise steigen, öffnen sich die Leute für neue Energieformen.» Mit der Verabschiedung der umstrittenen Solarsatzung im nahe gelegenen Marburg hat die Nachfrage aber wenig zu tun. Schweitzer freut sich zwar darüber, dass Marburg mit der Verpflichtung zur Solarthermie das Thema in die Diskussion bringt: «Für unseren Umsatz spielt dies aber kaum eine Rolle.»

In diesem Jahr erwartet das Unternehmen einen Umsatz von 200 Millionen Euro. Die Zahl der Beschäftigten soll über 400 klettern. Es werden 40 neue Mitarbeiter eingestellt. Bei der Solarthermie nimmt der selbstverwaltete Betrieb inzwischen den dritten Platz hinter Großunternehmen wie Buderus und Viessmann ein. Es gibt Niederlassungen in Frankreich und Spanien.

Das hätten sich die neun Gründer der Firma - unter ihnen drei Wagners - vor 30 Jahren kaum vorstellen können. Die Anti-Atom-Bewegung hat die Solarexperten zusammengebracht, die damals gegen Atomkraftwerke protestierten und mit Solarenergie experimentierten. In den 70er Jahren waren die Kollektoren noch eine Sache von Pionieren. Doch das Team entwickelte ein Selbstbau-System, mit dem sie schon 1986 Sieger bei der Stiftung Warentest wurden. Ein Jahr später trauten sie sich, ein Gelände in Cölbe bei Marburg zu kaufen, auf dem heute ein dreistöckiger Rundbau steht, der nur an bewölkten Wintertagen geheizt werden muss.

Heute haben Wagner & Co vier selbst entwickelte Kollektoren für thermische Solaranlagen im Programm. Der Renner ist der «Euro C20 AR-Sonnenkollektor», der als leistungsstärkster Flachkollektor Deutschlands gilt. Weiteres wichtiges Standbein ist die Photovoltaik, die durch das Energieeinspeisegesetz einen enormen Aufschwung erlebte.

Mit Bescheidenheit haben die Gründer die schwierigen ersten Jahre überstanden, als sie noch für Stundenlöhne von 3,50 Mark arbeiteten. Noch bis zum Jahr 2000 erhielten alle - vom Geschäftsführer bis zur Putzfrau - den gleichen Stundenlohn. Inzwischen gibt es differenzierte Gehälter. Doch die Lohnspreizung zwischen Arbeiter und Geschäftsführer ist weit niedriger als anderswo. Trotzdem hat der Betrieb keine Mühe, Mitarbeiter zu finden: «Die Leute wollen etwas machen, hinter dem sie stehen können», sagt Schweitzer.

Und sie stehen offenbar auch hinter ihren Chefs. Alle zwei Jahre wählen die Mitarbeiter ihre Abteilungsleiter. Im gleichen Rhythmus werden die Geschäftsführer von den Gesellschaftern ausgewählt. Und Gesellschafter kann im Grunde jeder werden, der zwei Jahre im Unternehmen arbeitet. Zurzeit sind noch gut 80 Mitarbeiter als Gesellschafter dabei, unter ihnen auch Arbeiter aus der Produktion.

Wagner & Co ist nicht das einzige hessische Unternehmen aus der Branche, das seine Kapazitäten stark aufstockt. Auch die SMA Technology AG aus Kassel baut für 40 Millionen Euro eine neue Fabrik. In der 25 000 Quadratmeter großen Anlage sollen Wechselrichter produziert werden, laut SMA «das Herz» jeder Solarstromanlage. SMA bezeichnet sich als Weltmarktführer für diese Komponente.

Mit der neuen Fabrik in Kassel will das Unternehmen, das 2007 einen Umsatz von 330 Millionen Euro erwirtschaftete und bereits 1900 Mitarbeiter beschäftigt, seine Produktion verdreifachen. Die Fertigstellung der Fabrik ist noch für dieses Jahr geplant.

(ddp)

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