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Auf Augenhöhe mit Marx´ Büste

ddp - Mittwoch, 23. Juli, 11:27 Uhr

Chemnitz (ddp-lsc). Lucas und Niklas hüpfen die Stufen hinab. Die beiden Jungen haben soeben den höchsten Punkt des Gerüstes um den riesigen Marx-Kopf von Chemnitz verlassen. «Der ist ja viel größer, als wenn man unten steht», stellt der ältere der beiden Brüder beeindruckt fest. «Und man sieht die Schweißstellen», fügt der Jüngere hinzu.

Die Jungs aus Neukirchen bei Chemnitz kennen das Denkmal bereits von gelegentlichen Fahrten in die Stadt. Seit Mitte Juni verbirgt es sich hinter weißen Planen und kann über ein Gerüst dahinter aus der Nähe betrachtet werden. In der Schule und von den Eltern haben die Kinder mal etwas über Karl Marx gehört. «Ein Schriftsteller», hat sich der elfjährige Niklas gemerkt, weil der Mann was mit Büchern zu tun gehabt haben soll.

Martina Kumm sitzt seit Einweihung des «Temporary Museum of Modern Marx» - so der Name des Kunstprojektes der Neuen Sächsischen Galerie (NSG) - regelmäßig am Eingang und kassiert zwei Euro pro Besucher, Kinder bis sieben Jahre dürfen umsonst hinein. In dem weißen Kubus sind sie bei diffusem Licht allein mit Marx. Kein Baum, kein Auto, kein Nachbargebäude stört den Eindruck, nur den Verkehrslärm der sechsspurigen Brückenstraße lässt die feinmaschige Umhausung nicht ganz draußen. Wer sich Zeit nimmt, kann unter Kopfhörern ganze Kapitel aus Marx´ Hauptwerk «Das Kapital» verfolgen oder in den bereitliegenden Bänden lesen.

«Wir haben ihm den ideologischen Umbau entzogen. Karl Marx sollte als er selbst eine Chance haben», erläutert der Direktor der Neuen Sächsischen Galerie, Mathias Lindner, den Ansatz von Kunststudenten aus Linz und Schneeberg. Vorher sei das Denkmal des Philosophen «ein Instrument der Platzarchitektur» gewesen.

Mit Marx auf Augenhöhe sein, das finden viele Besucher am bemerkenswertesten. Das unmittelbare Erleben der plastischen Gestalt war vorher nie möglich. Zu DDR-Zeiten versammelten sich die meisten Teilnehmer der Aufmärsche eher unfreiwillig zu Füßen des Monuments; manche Protagonisten der Wendezeit wollten es ganz weghaben; die moderne Spaßgesellschaft wendet sich lieber Disko und Kneipen auf der gegenüberliegenden Straßenseite zu.

«Die mit Marx und mit Kunst nichts zu tun haben wollen, bleiben sowieso draußen», stellt Betreuerin Kumm fest. Die Ablehnung halte sich insgesamt in Grenzen, auch die anfängliche Zerstörungswut in Form aufgeschlitzter Außenhäute habe sich gelegt.

Über wirklich böse Drohungen, die er erhalten habe, will Lindner nicht sprechen. Ihn ärgert eher, dass die Diskussion, die mit der Verhüllung provoziert werden sollte, nicht in Gang kommt. Er schätzt den Marx-Kopf als eine der besten Plastiken Kerbels. Aber die das Stadtbild verschandelnden Großblöcke dahinter, die sollten weg. «In Chemnitz herrscht Ignoranz», kritisiert Lindner. Weder Oberbürgermeisterin noch Baudezernentin noch Planungsamtsleiter hätten auf eine Einladung zum Gespräch über Visionen für die Stadt reagiert.

Einer von Besuchern und Chemnitzer Künstlern ins Gespräch gebrachten Verlängerung des Projektes über den 31. August hinaus stehen die NSG und ihr Trägerverein Neue Chemnitzer Kunsthütte offen gegenüber - wenn die Sponsoren zur Stange halten. Jede Verlängerungswoche schlage mit 2000 Euro Standkosten für das Gerüst zu Buche. Und bei rund 6000 Besuchern zur Halbzeit in dieser Woche sind die insgesamt kalkulierten 15 000 Interessierten nicht absehbar. «Der Verein muss so schon 30 000 Euro drauflegen», sagt Vorstand Matthias Wolff. Gelohnt habe sich das Ganze dennoch, «weil die Marx-Skulptur Beachtung findet.»

25 Leute in 75 Minuten seien sehr gut, hat Martina Kumm an diesem kalten und von Schauern durchzogenen Julitag nachgezählt. Geduldig erklärt die 19-jährige, dass der Bronzekopf vom sowjetischen Bildhauer Lew Kerbel geschaffen wurde, seit 1971 hier steht, sieben Meter hoch ist, 40 Tonnen wiegt. Gerade druckfrisch zur Halbzeit der Einhausung ist ein Faltblatt erschienen. Nach mehrfachem Hin- und Herwenden hat man das Wichtigste zur Entstehung des Denkmals und des Kunstprojektes erfahren und kann die Rückseite noch als Poster an die Wand pinnen.

(ddp)

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