ddp
Elsterwerda (ddp). Ein Hirschkäfer krabbelt langsam über die Hand von Ralf Bekker. Das neun Zentimeter große Insekt richtet sich auf. Der Körper wird mit Luft voll gepumpt, dann hebt das Männchen mit den geweihähnlichen Vorderkiefern brummend ab. «Wenn ein Hirschkäfer fliegt, ist das immer ein faszinierendes Schauspiel», sagt der Förster. Bekker interessiert sich schon seit seiner Kindheit für den größten Käfer Europas, der auf Deutschlands Roter Liste der stark gefährdeten Arten steht.
Im Süden Brandenburgs hat der Forstoberinspektor eine ganze Region für den Hirschkäfer begeistert. Hunderte Haushalte haben sich im Landkreis Elbe-Elster an einer Volkszählung für die seltenen Insekten beteiligt. «Die Teilnahme ist überwältigend», freut sich der 44-jährige Bekker über das große Engagement seiner Mitbürger. 10 000 Briefe hat die Oberförsterei Elsterwerda im Auftrag vom Amt für Forstwirtschaft Doberlug-Kirchhain an private Haushalte verteilen lassen. Die Schreiben wurden nach Bekkers Angaben speziell in Briefkästen gesteckt, deren Häuser sich in der Nähe möglicher Verbreitungsgebiete befinden.
Mehr als 100 verschiedene Fundorte mit rund 400 Tieren wurden in diesem Sommer bereits nachgewiesen. «Die Population ist in unserer Region stabil», schätzt der Forstoberinspektor ein. Mit der Zählung sollen das Wissen zur regionalen Verbreitung dieser Art erhöht und Gefährdungsschwerpunkte ermittelt werden. Die Teilnehmer müssen ein Formular ausfüllen, auf dem sie alle Begegnungen mit den Käfern eintragen. Die Daten werden dann in das europäische Insektenerfassungsprogramm «Insectis» eingegeben. «Mit dieser Volkszählung soll auch ein größeres Bewusstsein für die Natur geweckt werden», sagt der Förster.
«Die gewonnenen Erkenntnisse sollen unter anderem in ein künftiges Artenschutzprogramm für Totholzkäfer einfließen», nennt Bekker ein Projektziel. Zudem soll eine Karte mit Populationsschwerpunkten erstellt werden. Damit die Vorkommen stabil bleiben, sei es notwendig, einen natürlichen Verfall von alten Bäumen zuzulassen. Denn die Larven des Hirschkäfers können nur in durch Pilzbefall zermürbtem Totholz aufwachsen, das gleichzeitig als Nahrung dient.
«Der Hirschkäfer ist ein Gewinner des Klimawandels», sagt Klaus Radestock vom Amt für Forstwirtschaft Wünsdorf. Der Forstmeister beschäftigt sich ebenfalls seit Jahren mit den Insekten. «Die Tiere benötigen warme und trockene Sommer.» Die großen Vorkommen im Elbe-Elster-Kreis seien kein Zufall. «In Südbrandenburg sind die Niederschläge geringer», zudem gebe es zahlreiche Eichenwälder, Parks und Streuobstwiesen mit alten Bäumen, die günstige Lebensräume für die Hirschkäfer bieten.
Auch in anderen Teilen Brandenburgs gibt es Hirschkäfer-Populationen. Kleinere Bestände wurden südlich von Königs Wusterhausen (Dahme-Spreewald), bei Belzig (Potsdam-Mittelmark), in der Schorfheide (Barnim) sowie bei Bremsdorf/Müllrose, nahe Eisenhüttenstadt (Oder-Spree) nachgewiesen. Ralf Bekker wünscht sich eine noch größere Verbreitung. Hirschkäfer-Larven könnten aus dem Gebiet der Oberförsterei Elsterwerda komplett mit altem Totholz umgesiedelt werden, um neue Populationen in anderen Gebieten aufzubauen, ist seine Idee.
«Mein erster Käfer lag auf dem Rücken», erinnert sich Bekker an seine Kindheit. «Schon als kleiner Junge wollte ich helfen.» Seine Eltern kauften ihm daraufhin ein Insektenbuch. Seitdem engagiert er sich für die Tiere.
(ddp)
Tiere- und Tierschutz
Skurriles und Interessantes aus der Welt der Tiere
Copyright © 2008 Yahoo! Alle Rechte vorbehalten.