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Potsdam (ddp-lbg). Die 2001 verstorbene Keramikerin Hedwig Bollhagen war nach Auffassung der Berliner Historikerin Simone Ladwig-Winters weder Anhängerin noch Unterstützerin des Nationalsozialismus. Entsprechende Vorwürfe seien nicht zutreffend, heißt es in einem am Montag veröffentlichten Gutachten der Historikerin. Allerdings hätten die Bollhagen-Werkstätten Nutzen aus den Umständen der nationalsozialistischen Machtetablierung gezogen.
Bollhagen gilt als eine der bedeutendsten Keramikerinnen des 20. Jahrhunderts. Seit 1934 produzierte die Künstlerin in ihrer Werkstatt für Keramik in Marwitz bei Oranienburg zeitloses Alltagsgeschirr.
Das Gutachten sollte am Nachmittag am Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam (ZZF) diskutiert werden. Das ZZF hatte das Gutachten in Auftrag gegeben, nachdem im Frühjahr ein heftiger Streit über die Vergangenheit der berühmten Keramikerin entbrannt war.
Die Keramik-Werkstatt der Bollhagen im brandenburgischen Marwitz gehörte ursprünglich der jüdischen Gründerin Margarete Heymann-Loebenstein. Sie wurde 1934 durch einen NS-Funktionär übernommen, der wenig später Bollhagen die künstlerische Leitung übertrug.
Die Rolle Bollhagens im Nationalsozialismus konnte nach Angaben des ZZF aufgrund lückenhafter Quellen nicht in jeder Hinsicht vollständig aufgeklärt werden. Das Gutachten kommt aber zu dem Schluss, dass Bollhagen zwar von den «antijüdischen Rahmenbedingungen der nationalsozialistischen Etablierungsphase wirtschaftlich profitiert» hat. Sie habe das aber nicht gezielt zu ihrem Vorteil genutzt.
Dem Gutachten zufolge verkaufte die jüdische Vorbesitzerin die Werkstatt 1934 deutlich unter Wert, weil sie unter den neuen politischen Rahmenbedingungen keine Chance für eine erfolgreiche Fortführung sah. Käufer war Heinrich Schild, ein Vertrauter Bollhagens. Er erwarb Grundstück, Betriebsmittel, Warenlager und Knowhow etwa zwei Drittel unter Wert. Im Mai 1934 gründete Schild zusammen mit Bollhagen eine GmbH, um den Betrieb unter dem Namen «HB-Werkstätten» neu zu eröffnen.
Nach Ansicht der Historikerin zogen die Käufer Gewinn aus den veränderten politischen Verhältnissen und machten sich damit zu «stillschweigenden Partnern» des nationalsozialistischen Systems. Anders als Schild könne Bollhagen jedoch nicht als «Anhängerin oder Förderin des Nationalsozialismus» gesehen werden. Im Gegenteil: Bollhagen habe in ihren Werkstätten auch vom NS-Regime verfolgten Künstlern eine Arbeitsmöglichkeit geboten.
In den HB-Werkstätten wurden während des Zweiten Weltkriegs aber auch etwa zehn Zwangsarbeiter eingesetzt. Das sei jedoch für einen mittelständischen Betrieb nicht ungewöhnlich und häufig Voraussetzung für die Aufrechterhaltung der Produktion gewesen, heißt in dem Gutachten. Die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Zwangsarbeiter seien in den HB-Werkstätten vergleichsweise günstig gewesen. Um den Betrieb während des Krieges aufrecht zu erhalten, hätten die Werkstätten auch Aufträge der SS angenommen. Unter anderem sei Geschirr für Bombengeschädigte produziert worden. Dabei habe Bollhagen von der Politik des NS-Regimes profitiert, ohne das Regime willentlich gezielt zu unterstützen.
Die Fortführung der HB-Werkstätten wäre der Gutachterin zufolge ohne den Einsatz von Zwangsarbeitern und die Übernahme öffentlicher Aufträge nicht möglich gewesen. «Darin kommt eine Verstrickung Bollhagens in das NS-System zum Ausdruck, wie sie für Millionen anderer Deutscher auch galt: Um ihren eigenen unternehmerischen und künstlerischen Interessen zu folgen, musste sie zugleich auch denen der NS-Herrschaft entsprechen», heißt es in dem Gutachten.
(ddp)
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