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Schwerin (ddp). «Ob sie es mir glauben oder nicht, ich vermisse meine Tochter und ich liebe sie», brachte die angeklagte Mutter der verhungerten Lea-Sophie am vorletzten Prozesstag mit tränenerstickter Stimme hervor. Dass sie sich von der Öffentlichkeit und den Sachverständigen unverstanden fühlten, hatten die wegen Mordes angeklagten Eltern vor dem Schweriner Landgericht mehrmals deutlich gemacht. «Niemand weiß, was in uns vorgeht», hatte der Vater wiederholt erklärt. Trotz dieser Beteuerungen hielt die Staatsanwaltschaft am Mordvorwurf fest. Am Donnerstag forderte sie für die Eltern jeweils 13 Jahre Haft. Die Verteidigung plädierte auf Totschlag und eine Strafe von bis zu acht Jahren. Am nächsten Mittwoch wird das Urteil gesprochen.
«Gleichgültig und umbarmherzig» hätten die Eltern Lea-Sophie behandelt, als diese nach der Geburt des kleinen Bruders eifersüchtig und extrem reagierte, skizzierte Staatsanwalt Jörg Seifert das Verhalten der Eltern im Herbst 2007. Als das fünf Jahre alte Kind das Essen verweigerte, Schränke ausräumte, «bockte» und wieder in die Hose machte, hätten sie ihm nicht mehr Aufmerksamkeit geschenkt, sondern es nicht mehr beachtet. Sie schlossen die Tür. Die 24 Jahre alte Mutter widmete sich dem Neugeborenen, der 26 Jahre alte Vater flüchtete sich in Computerspiele.
«Ich gehe nicht davon aus, dass der Tod des Kindes ihr Ziel war», sagte Seifert. Wer aber erkenne, dass ein Kind nur noch Haut und Knochen ist und sich kaum noch bewegt, aber keine Hilfe hole, nehme den Tod billigend in Kauf. Das Mordmerkmal Grausamkeit sei nicht allein durch die körperlichen Qualen Lea-Sophies beim Verhungern und Verdursten erfüllt. Auch die seelischen Qualen des Kindes seien zu berücksichtigen. «Man mag sich nicht vorstellen, was in einer Kinderseele vorgeht, wenn es feststellt, das sich seine Eltern tatsächlich nicht mehr um es kümmern», sagte Seifert.
Die Anwälte der Eltern sehen als Ursache für deren Versagen dagegen eine «tragische» Ursachenverkettung von Beziehungsdrama, unheilvoller Einflussnahme vonseiten der Schwiegereltern, die zu völliger Abkapselung der jungen Familie führte, und psychischem Unvermögen. Beide Eltern besäßen zudem die psychische Veranlagung, sich selbst zu korrumpieren. «Dem Verhalten Lea-Sophies standen sie nicht ablehnend, sondern hilflos gegenüber», befand Anwalt Matthias Macht.
Das Motiv der Angeklagten, angesichts des sich verschlechternden Zustands ihrer Tochter keine Hilfe zu holen, sei dementsprechend paradox, sagte der Anwalt der Mutter, Ullrich Knye. Sie hätten sich geschämt und Angst gehabt, dass ihnen beide Kinder weggenommen würden. «Das bedeutet aber, dass sie sich wünschten, für beide Kinder weiterhin da zu sein.»
Die Hoffnung, dass es mit dem Kind besser werde und das Bemühen der Mutter bis zum Schluss, es zum Essen zu bringen, spreche dagegen, dass sie das Kind innerlich aufgegeben habe, sagte Knye weiter. Grausam hätten die Eltern jedenfalls nicht gehandelt. «Sie wünschten ja nichts sehnlicher, als dass Lea endlich wieder esse und alles so werde, wie früher.»
Die Eltern hatten zugegeben, den lebensbedrohlichen Zustand ihrer Tochter 14 Tage vor dem Tod Lea-Sophies erkannt zu haben. Die Staatsanwaltschaft dagegen zeigte sich davon überzeugt, dass sich das Paar schon viel länger darüber bewusst gewesen sei, was mit ihrem Kind geschehe. «Es ist angesichts der Normintelligenz der Angeklagten vollkommen unglaubhaft und lebensfremd zu behaupten, sie hätten bis zum Schluss geglaubt, dass sich alles wieder bessern könne», sagte Seifert. Dies sei eine reine Selbstschutzbehauptung gewesen.
Lea-Sophie war am 20. November 2007 in einem Schweriner Krankenhaus in Folge mangelnder Ernährung und Flüssigkeitszufuhr gestorben. Das Mädchen wog zu diesem Zeitpunkt weniger als 7,4 Kilogramm.
(ddp)
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