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Comeback für ein legendäres Turngerät

ddp - Freitag, 16. Mai, 10:31 Uhr

Greifswald (ddp-nrd). An diesem Gerät turnten schon ihre Eltern und vielleicht sogar ihre Großeltern. Hochkonzentriert klettern die Knirpse am Freitag über Leitern, balancieren auf Schwebebalken, springen über Hindernisse und ziehen sich ächzend über Kastendeckel in die Höhe. «Macht richtig dolle Spaß», juchzt die fünfjährige Nina Neumann und rennt gleich weiter zum Zielwurf am Ballkorb. Freundin Lilly Kind hinterher: «Am meisten gefällt mir Rolle-Rückwärts!»

Bei den Fünfjährigen im Greifswalder Kindergarten «Regenbogen» hat das legendäre Kinderturngerät (KTG) auf Anhieb gepunktet. Auch Ronald Salomon ist zufrieden. Die Vorstellung der Mehrzweck-Sportkonstruktion im Greifswalder Volksstadion habe die geladenen Kindergärtnerinnen überzeugt, sagt er.

Seine Mutter überrascht das nicht. Nachdenklich und auch ein bisschen stolz verfolgt die heute 83-jährige Dame den Trubel. Schon 45 Jahre zuvor, 1963, hatte Eleonore Salomon bei der Vorstellung des von ihr erfundenen Multigeräts in glänzende Kinderaugen geschaut. Damals arbeitete sie als Sportwissenschaftlerin an der Universität Greifswald. «Meine zwei Söhne gingen in den Kindergarten, und ich stellte fest, dass dort nur ein paar Bälle, Reifen, Springseile und zwei Turnbänke für die körperliche Ertüchtigung der Kinder zur Verfügung standen.»

Die erfinderische Frau entwickelte ein multifunktionales Turngerät, das nicht nur viele Übungen ermöglicht, sondern auch leicht zu transportieren und einfach zu handhaben ist. Das System von Leitern, Kästen, Reckstangen, Stand- und Schwebebalken, die sich schnell und beliebig miteinander zu einer Vielzahl unterschiedlicher Turngeräte montieren lassen, wurde an der Deutschen Hochschule für Körperkultur (DHfK) in Leipzig getestet.

Die DDR-Medien zollten der Idee Respekt. Das Fernsehen stellte in der Kindersendung «Meister Nadelöhr» mit Entertainer Heinz Quermann das neue Gerät vor, und nach einer Entscheidung des Ministeriums für Hoch- und Fachschulwesen ging das Kinderturngerät «Greifswald» in den Fanal-Sportgerätewerken Karl-Marx-Stadt in Serie und wurde zur Standardausrüstung der etwa 11 000 Kindergärten.

Wie viele Geräte tatsächlich gebaut wurden, ist nicht bekannt. Reich wurde Eleonore Salomon mit ihrer Erfindung jedenfalls nicht. Sie bekam nur eine einmalige Prämie, während ihr patentrechtlich geschützter Sportbaukasten auf der Leipziger Frühjahrsmesse 1963 auf Anhieb 200 Bestellungen aus dem Ausland auslöste. Seitdem turnten Drei- bis Sechsjährige in nahezu allen sozialistischen Ländern, aber auch in Österreich und Schweden an dem Klettergerät Made in DDR.

Nach der Wende verschwanden die hölzernen Systeme aus den ostdeutschen Spielzimmern. Einer Umfrage zufolge verfügen nur noch wenige Kindergärten über die Sportgeräte. Meist sind nur noch Einzelteile verfügbar. Doch nun erlebt das legendäre Kinderturngerät ein Comeback. Denn im Zeitalter von Bewegungsmangel, überzogenen Essgewohnheiten und übergewichtigen Kleinkindern fordern Experten mehr Sportangebote in den Kindergärten.

Leicht modifiziert hat inzwischen die Lubminer Möbeltischlerei Kastner zwei Prototypen aus Esche hergestellt, mit denen Ronald Salomon die jeweils 3350 Euro kostenden Gerätesätze über seine Firma KTG bundesweit vermarkten will. «Wir haben 25 000 Kindergärten Angebote unterbreitet und rechnen damit, dass jeder zehnte bestellen wird», sagt er. In Lubmin bereitet man sich bereits auf die Serienfertigung vor.

(ddp)

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