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Gemeinsam gegen Sprachlosigkeit

ddp - Mittwoch, 14. Mai, 16:58 Uhr

Berlin (ddp-bln). Dass 17-jährige Jugendliche aus Zuwandererfamilien gemeinsam Rilke lesen, erwartet der Neuköllner Kazim Erdogan nicht. Zumindest nicht sofort. Erdogan ist der Initiator der «Wochen der Sprachen und des Lesens» in Neukölln. Mit dem schlechten Ruf des Berliner Bezirks, der fortwährend wegen Jugendkriminalität und «Rütli-Verhältnissen» Schlagzeilen macht, hängt seine zweiwöchige Leseinitiative aber durchaus zusammen. Die Sprach- und Lesewochen sollen nach dem Willen von Erdogan der «allgemeinen Kommunikations- und Sprachlosigkeit» zwischen den Nationen und Generationen in Neukölln den Kampf ansagen. Vom 18. Mai bis zum 1. Juni werden deshalb Parks, U-Bahnhöfe, Arztpraxen und die Bezirksverordnetenversammlung zur Lesebühne.

«Ich habe festgestellt, dass die Menschen nicht miteinander sprechen», begründet der vom Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) ausgezeichnete Vorsitzende des Vereins Aufbruch Neukölln sein Engagement. Sprache, findet Psychologe Erdogan, spiele im öffentlichen Leben, aber auch in den Familien immer weniger eine Rolle. Die 400 Lesungen und literarischen Veranstaltungen in mehreren Sprachen, die sich an alle Generationen richten, sollen die Menschen wieder dafür sensibilisieren, wie wichtig Sprache für das Miteinander ist.

«Es ist aber Wunschdenken, zu erwarten, dass sich alle in einer Sprache verständigen», sagt Erdogan, der seit 1974 in Neukölln lebt. Vielmehr müsse jedem zunächst die Schönheit der eigenen Sprache näher gebracht werden. «So kann ich erst dafür sorgen, dass die Leute auch Deutsch lernen.»

Für sie seien die Sprachwochen eine Herzensangelegenheit, sagt die Schriftstellerin und Journalistin Hatice Akyün. Sie wird neben Persönlichkeiten wie dem Neuköllner Krimiautor Horst Bosetzky, dem EU-Parlamentarier Cem Özdemir (Grüne), der deutsch-türkischen Rechtsanwältin Seyran Ates oder «Knallhart»-Autor Gregor Tessnow in Neukölln vorlesen. »Ich weiß, wie es ist, in einer Familie aufgewachsen zu sein, die ihre Kinder nur auf ein Leben in einem anderen Land - in unserem Fall in der Türkei - vorbereitet.«

Die Autorin von »Einmal Hans mit scharfer Soße« kam 1972 mit ihren Eltern nach Deutschland. Dass ihre Tochter auch auf eine andere Schule als die Hauptschule gehen könnte, wussten ihre Eltern, die Analphabeten waren und zu Hause nur Türkisch sprachen, nicht, erzählt Akyün. Ohne ihre Lehrer und ihre Freunde hätte sie in ihrem Leben keine Chance gehabt.

«Lebensläufe wie meine dürfen nicht dem Zufall überlassen werden», appelliert die 1969 geborene Neuköllnerin. Sie wolle türkischen Jugendlichen vermitteln, dass Sprache nichts damit zu tun habe, die eigene Identität oder Herkunft zu verleugnen. Ohne Sprache gebe es keine Zukunft, versuche sie ihnen anhand ihrer eigenen Biografie zu erklären. «Die Jugendlichen brauchen dabei Hilfe von außen, da sie in den Familien nicht die intellektuelle Unterstützung bekommen», sagt Akyün.

Dem kann Neuköllns Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky (SPD), der Schirmherr der Sprachwoche, nur beipflichten. In den Familien werde zu wenig gesprochen und gelesen. Ein Wortschatz eines Jugendlichen von 300 bis 350 Wörtern reiche vielleicht für die Straße, nicht aber, um das eigene Leben zu gestalten. Und von einem ist Buschkowsky überzeugt: «Wer miteinander redet, wird sich nicht prügeln. Wer kommuniziert, findet eine gemeinsame Ebene.»

Auf der Abschlussfeier im Von-der-Schulenburg-Park wollen die Veranstalter einen Leserekord in über 100 Sprachen aufstellen. Dabei sollen Menschen aus mehr als 100 Nationen eine Minute lang in ihrer Muttersprache einen Text ihrer Wahl vorlesen. Beginnen wird um 14.00 Uhr Bezirksbürgermeister Buschkowsky mit einem Text des ehemaligen Ministerpräsidenten von Nordrhein-Westfalen, Heinz Kühn (SPD). Dieser habe bereits im Jahr 1979 die Probleme von Menschen beschrieben, die in ein fremdes Land kommen, erklärt der Politiker. «Wenn wir dies alles schon gewusst haben, warum haben wir in den letzten 30 Jahren nichts getan?»

Interessenten für den Leserekord können sich unter der E-Mail-Adresse koordination@sprachwoche-neukoelln.de anmelden.

(sprachwoche-neukoelln.de)

(ddp)

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