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Berlin (ddp). Zielstrebig schlendern Gustav Severin und seine Frau Sabine von der Berliner Kochstraße in Richtung Friedrichstraße. Sie ist immer einige Schritte hinter ihrem Mann, der alle paar Meter stehen bleibt und stirnrunzelnd auf das rund fünf mal sechs Zentimeter große Display des Mauer-Guides in seiner Hand blickt. «Hier müssen wir jetzt gleich links abbiegen. Dann sind wir am Checkpoint Charlie.» Und tatsächlich: Nur wenige Schritte später steht das Paar aus dem bayrischen Neu-Ulm an einem der bekanntesten Grenzübergänge, den die Welt zur Zeit des Kalten Krieges gekannt hat. Und dies ohne sich auch nur ein einziges Mal verlaufen zu haben.
Seit dem 1. Mai können sich zumindest schon einmal die deutschsprachigen Touristen und natürlich auch alle interessierten Berliner mit Hilfe von zunächst 500 im Einsatz befindlichen multimedialen Mauer-Guides in Eigenregie auf den Spuren der Berliner Mauer durch die geschichtsträchtige Hauptstadt lotsen. Und dies nicht still und leise: Rund fünf Stunden Dokumentations-Materialien, bestehend aus Interviews, Fotos, Filmausschnitten und Wortbeiträgen, liefern den Trägern der GPS-gesteuerten Reiseführer im Anfang-der-90er-Jahre-Handyformat an allen bereits erschlossenen Stationen interessante Informationen und emotionale Anekdoten.
Während organisatorische «Kinderkrankheiten» den Start der englischen Version auf das Pfingstwochenende verschoben hatten, erleben unter den deutschsprachigen Nutzern seit Anfang Mai insbesondere alle Hörspielfreunde bei ihrer Mauer-Tour zugleich noch ein «Wiederhören» der besonderen Art: So begleitet die Stimme von Schauspieler Christian Rode, bekannt aus Hörspielen wie «Die drei ???" oder «TKKG» bei ihrer Grenzerfahrung mit dem multimedialen Mauer-Guide.
Doch wieder zurück zum Ehepaar Severin. Denn deren Mauer-Tour hat ja gerade erst angefangen. Und so folgen sie dem kleinen gelben Fadenkreuz auf ihrem Display weiter in Richtung der Mühlenstraße 45 bis 80, besser bekannt als East Side Gallery. Nach wenigen Schritten kommen Gustav Severin nun aber erste Zweifel, ob er zusammen mit seiner Frau die vom Mauer-Guide errechneten 4470 Meter laufen möchte. Jedoch bereitet beiden die Nutzung des U- und S-Bahnnetzes arge Schwierigkeiten, weshalb es trotz modernster Technik nicht ganz ohne klassisches Kartenmaterial und die eine oder andere Frage an Ortskundige geht.
Auch wenn Geschichte in Berlin zwischen Reichstag, Berliner Dom, Alexanderplatz und Kudamm praktisch überall sichtbar ist, müssen Interessierte heutzutage ausgerechnet das wohl bekannteste Symbol der deutsch-deutschen Teilung, die einst 155 Kilometer lange und bis zu 3,60 Meter hohe Berliner Mauer, schon gezielt suchen. Denn mit der Wiedervereinigung ist das einst so gefürchtete Bauwerk aus dem Stadtbild ausradiert worden. Nur wenige hundert Meter an ausgewählten Stellen zeugen noch mahnend von dem Symbol für den Kalten Krieg.
Mittlerweile verortet der Mauer-Guide das Ehepaar Severin an der Gedenkstätte «Bernauer Straße». Sichtlich berührt blicken sie von der Aussichtsplattform des Gedenkzentrums auf den unter Denkmalschutz stehenden Mauerabschnitt inklusive Todesstreifen am Rande des Sophienfriedhofs. Ein Tipp auf das Display offenbart dem Paar in Wort und Bild, dass hier noch 1985 die einst unerreichbar im Todesstreifen gelegene Kirche der Evangelischen Versöhnungsgemeinde einer Sprengung zum Opfer fiel oder der berühmte Stacheldrahtsprung des Grenzsoldaten Conrad Schumann an exakt dieser Stelle stattfand.
Rund 14 Tage nach dem Start des Mauer-Guides befindet sich jener noch immer in der Aufwärmphase. Künftig sollen weitere Ausleihstationen, die sogenannten bboxxen, am Brandenburger Tor, an der Niederkirchner Straße, am Checkpoint Charlie, an der Bernauer Straße und an der East Side Gallery ebenso ergänzen wie weitere historische Anlaufpunkte. Auch ist eine vereinfachte Rückgaberegelung geplant, da die Guides im Moment noch immer nur an dem jeweiligen Ausleihpunkt zurückgegeben werden dürfen.
Auch technisch würden einige kleine Änderungen für mehr Benutzerkomfort sorgen: So ist es derzeit noch nicht möglich, sich während der gelungenen und informativen Text- oder Bildvorträge auch auf der Karte zu orientieren. «Dadurch kann man sich die Beiträge leider nicht anschauen oder anhören, während man geht,« sagt Gustav Severin. Dies findet auch seine Frau, wobei diese noch zwei weitere Kritikpunkte hat: »Ich finde die Streckenführung etwas unübersichtlich. Außerdem ist das Gerät für ältere Menschen nur schwierig zu bedienen.»
(ddp)

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