ddp
Berlin (ddp). Russische Raumfahrtexperten sind besorgt hinsichtlich der Zukunft der Internationalen Raumstation ISS. Das russische Segment kann nämlich aus Geldmangel nicht wie vorgesehen schon in zwei Jahren, sondern frühestens 2015 fertiggestellt werden. Derzeit stehen nur gut ein Drittel der ursprünglich geplanten Finanzmittel zur Verfügung. Da aber 2015 auch die von den ISS-Partnern vereinbarte Nutzungsdauer der Station ausläuft, sind die Russen bemüht, die Amerikaner für deren Verlängerung bis zum Jahr 2020 zu gewinnen. Das käme übrigens auch den Europäern und Japanern entgegen, die ihre Wissenschaftsmodule «Columbus» und KIBO gern über 2015 hinaus betreiben würden.
Doch selbst eine verlängerte Nutzungsdauer der ISS würde die Probleme der Russen nicht wirklich lösen. Denn ihre Module «Sarja», «Swesda» und «Pirs», die zwischen 1998 und 2001 auf die Umlaufbahn gebracht wurden, überschreiten schon bald ihre Garantiezeit. Deshalb stellt sich die Frage, ob es überhaupt noch lohnt, neue Module zu bauen und ins All zu schicken. Das gilt ebenfalls für das kurz vor der Vollendung stehende Multifunktionale Labormodul (MLM), mit dem die Forschungsmöglichkeiten der ISS erweitert werden sollen. Allerdings fehlt hier auch noch das Geld für die wissenschaftliche Ausstattung.
Nach Angaben des Vorsitzenden des für die bemannte Raumfahrtforschung zuständigen Wissenschaftlich-Technischen Koordinierungsrates (KNTS), Nikolai Anfimow, hat Russland in der Station bisher nur 20 Prozent der geplanten Projekte verwirklicht. Schuld daran sei, dass «weniger als ein Prozent» aller für die bemannte Raumfahrt bestimmten Mittel dafür eingesetzt würden.
Zudem ist bei den Russen die Energiefrage nicht gelöst. Schon heute müssen sie für teures Geld in der ISS von den Amerikanern Strom kaufen, da sie nur bis zu fünf Kilowatt Leistung selbst erzeugen können, aber das Zehnfache bräuchten. «2009 verfügt das amerikanische Segment über 100 Kilowatt Leistung, während wir bis 2011 lediglich eine Erhöhung auf sieben Kilowatt planen», klagte der Chef des Raumfahrtkonzerns «Energija», Witali Lopota. Eine grundlegende Wende sei nur durch den Start von zwei wissenschaftlich-energetischen Modulen nach dem MLM möglich.
Nicht weniger Kopfzerbrechen bereitet der Raumfahrtagentur Roskosmos auch das Logistikproblem nach Einstellung der Shuttle-Flüge zur ISS im Jahre 2010. Damit lastet der gesamte Personenverkehr mindestens bis 2015 allein auf den Schultern der Russen. Erst dann soll das neue US-Raumschiff «Orion» fertig sein. Um schon ab 2009 die Zahl der ISS-Besatzungsmitglieder von derzeit drei Astronauten zu verdoppeln, müssen die Russen also erheblich mehr «Sojus»-Raumschiffe bauen, insbesondere auch für die Amerikaner. Bisher liegt aber nur bis 2011 die dafür erforderliche Erlaubnis der US-Regierung vor. In Kürze soll über den Zeitraum bis 2013 verhandelt werden.
Zudem befürchtet Russland, dass sich die Amerikaner abwenden könnten. Der Chef der amerikanischen Luft- und Raumfahrtbehörde NASA, Michael Griffin, sei darüber verärgert, dass er den Russen rund zwei Milliarden Dollar für ihre Transportleistungen zahlen müsse, sagte der Raumfahrtexperte Juri Saizew vom Moskauer Institut für Kosmosforschung (IKI) dazu der Nachrichtenagentur ddp. «Er würde das Geld natürlich lieber Europa geben, zumal die Europäische Weltraumorganisation ESA nicht verhehlt, dass sie zu einer solchen Zusammenarbeit und damit zu einer amerikanisch-europäischen Dominanz in der ISS bereit ist», fügte er mit Blick auf das neue europäische Transportraumschiff ATV (Automated Transfer Vehicle) hinzu, von dem es in der Perspektive auch eine bemannte Version geben könnte.
(ddp)

Copyright © 2008 Yahoo! Alle Rechte vorbehalten.