ddp
Quedlinburg (ddp). Sie ist schön, die Frau mit der Pfauenfeder. «Sie werden es sehen», verspricht Arnold Hofheinz. Ihr Bild hebe sich wohltuend von den Porträts der Äbtissinnen ab. Mit seiner Schwärmerei macht der Gästeführer schon beim Mittagessen im urigen «Restaurant Benedikt» inmitten der kopfsteingepflasterten Altstadt von Quedlinburg auf den Schlossberg mit Stiftskirche neugierig. Der dort aufbewahrte Stiftsschatz ist nur eine der Attraktionen der kleinen Stadt am Nordrand des Harzes. Nachdem er 1945 von einem texanischen Leutnant gestohlen worden war, konnte er Anfang der 1990er Jahre auf einer Auktion größtenteils zurückgekauft werden und gehört neben dem Aachener und dem Halberstädter Domschatz zu den wichtigsten deutschen Kirchenschätzen.
Die Stadtführung mit Hofheinz entpuppt sich bald als kurzweilige und lebendige Begegnung mit der Geschichte. Zunächst lenkt er die Schritte durch die engen Gassen mit den UNESCO-geschützten Fachwerkhäusern. Die über 1300 Gebäude aus sechs Jahrhunderten auf 80 Hektar gelten als bedeutendes Beispiel einer mittelalterlichen Stadt. Darunter finden sich verschiedene Stile bis hin zur Urform, dem Ständerhaus. Heute haben in den restaurierten Fachwerkhäusern am «Word» Museen und rund 20 Ateliers mit Kleinkunst ihre Heimstatt.
Wenig später bleibt Hofheinz vor dem prächtigen Renaissance-Rathaus stehen, das vom Reichtum der einstigen Hansestadt kündet. Bei seinem Exkurs in die geschichtsträchtige Vergangenheit Quedlinburgs lässt er sich nicht lange bitten und singt: «Herr Heinrich saß am Vogelherd recht froh und wohlgemut....». Voll klingt die Stimme über den Marktplatz. Dabei ist er kein bisschen verlegen. Wie auch? Der in Freiburg im Breisgau geborene Gästeführer ist ausgebildeter Schauspieler. Seit 1995 Wahl-Quedlinburger, hat er auch als Kulturmanager mit Theaterprojekten und Kursen im Wipertihof den Ruf der Stadt als Kulturstadt Sachsen-Anhalts mitbegründet, die viele Besucher verzaubert.
Oder kommt der Zauber vom Genius Loci der ersten deutschen Hauptstadt? Denn Quedlinburg war die Lieblingspfalz des Sachsenherzogs Heinrich I., der die deutschen Stämme zusammenführte und ihr erster König wurde. Der Legende nach erreichte die Nachricht den Ahnungslosen hier beim Vogelfang. Der sagenumwobene Vogel- bzw. Finkenherd ist heute bebaut. In der kleinen Häuserzeile unterhalb des Schlossbergs erinnert ein Schild daran, dass Heinrich hier 919 die Reichsinsignien mit der Krone erhalten haben soll.
Lyonel Feininger (1871-1956) dagegen war nie hier. Aber im Haus Finkenherd 5a gibt es Druckgrafiken, Radierungen und Aquarelle des Malers, Grafikers und Bauhaus-Lehrers zu bestaunen. Es ist die einzige Sammlung der Welt neben der in New York, sagt Hofheinz. Und wieder ist er in seinem Element, als er Gottlieb Klopstock (1724-1803) bühnenreif rezitiert. Nur wenige wissen, dass der Odendichter und Vater der deutschen Klassik zu den großen Söhnen Quedlinburgs gehört. Die Gäste sind inzwischen am Fuße des Schlossbergs angelangt, wo Klopstocks Geburtshaus steht. Darin wird aber auch eine starke Tochter der Stadt gewürdigt. Dorothea von Erxleben (1715-1762) war die erste deutsche promovierte Ärztin. 1741 hatte sie sich nach langem Kampf gegen das Studienverbot und die Anfeindungen approbierter Ärzte durchgesetzt.
Oben auf dem vom Mühlengraben umgebenen Schlossberg kommt beim Anblick der bezaubernden Landschaft und der mit dem Grün der Baumkronen wetteifernden roten Dächer der Stadt erneut Klopstock in den Sinn: «Quedlinburg liegt vor dem Harz wie ein Weihnachtsgeschenk.» In dem von König Heinrichs Witwe Mathilde 936 gegründeten ehemaligen Damenstift - heute Schloss - lüftet sich endlich das Geheimnis um die schöne Frau. Die Pfauenfeder ziert keine Geringere als Maria Aurora Gräfin von Königsmark (1662-1728). Die Mätresse des sächsischen Kurfürsten August des Starken war Pröpstin in der einstigen Kaiserpfalz und liegt in der Stiftskirche begraben. Ihr Körper verweste nicht und war bis 1920 zu besichtigen, weiß Hofheinz zu berichten. Dann haben ihre Nachfahren der Zurschaustellung Einhalt geboten.
Auch die Grablege Heinrichs I., des Stammvaters der Ottonen, befindet sich hier. Zu Pfingsten können die Besucher beim Kaiserfrühling eine Zeitreise ins 10. Jahrhundert unternehmen. Schon zum 12. Mal werden Episoden aus Quedlinburgs Geschichte als Kaiserpfalz lebendig. In Historienspielen werden der Einzug der Delegierten zum Reichstag 973 unter Kaiser Otto, der Ottonische Hof und die Kaisertafel nachgestellt.
Zu den alljährlichen Festen kommen viele Touristen. Der Stadt, die nicht zuletzt wegen ihres Anschlusses an die Harzer Schmalspurbahn als Tor zum Harz gilt, nähert man sich durch ein Blumenmeer. Seit 1815 wurde hier im Regenschatten des Brocken Samenzucht betrieben. Die Zuckerrübensamenzucht deckte einst ein Drittel des Weltbedarfs, was Quedlinburg zumindest zwischen 1890 und 1920 zur wohlhabendsten Stadt des deutschen Reiches machte.
(ddp)

Copyright © 2008 Yahoo! Alle Rechte vorbehalten.