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Berlin (ddp-bln). Nur noch der ehemalige Grenzwachturm zwischen Treptow und Kreuzberg erinnert daran, dass hier einst die Berliner Mauer stand. In dem Überbleibsel des SED-Regimes ist nun erstmals ein Kunstprojekt mit dem Titel «Dorle» zu sehen, das sich direkt mit der DDR-Vergangenheit auseinandersetzt und nach den Worten von Kuratorin Svenja Moor «auch einen Beitrag zu deren Aufarbeitung leisten will.»
Die sogenannte Opernskulptur ist eine Kombination aus multimedialer Ausstellung, zeitgenössischer Musik und Architektur. Im Mittelpunkt steht die Kunstfigur «Dorle», deren Biografie an eine wahre Begebenheit angelehnt ist. Es geht nach Veranstalterangaben um das «von zahlreichen Wendepunkten geprägte Leben einer DDR-Bürgerin, um politische Mitschuld an Unrecht und dem inneren Konflikt dabei».
«Dorle» ist die Tochter eines deutschen Wehrmachtsgenerals und überzeugten Nazis, der in russischer Gefangenschaft zum Kommunisten wird und nach seiner Rückkehr in die DDR später eine wichtige Rolle beim Aufbau der Nationalen Volksarmee (NVA) spielt. Als junge Frau verliebt sich «Dorle» in einen US-amerikanischen Juden. Um ihm zu folgen, will sie 1973 über die tschechisch-westdeutsche Grenze flüchten. Der Fluchtversuch misslingt, sie wird gefasst und mit siebeneinhalb Jahren Haft bestraft.
Sie ist gerade 24 Jahre, als sie ins Gefängnis kommt, und möchte schnellstmöglich wieder raus. Nach dreieinhalb Jahren wird «Dorle» vorzeitig aus der Haft entlassen und arbeitet fortan als Inoffizieller Mitarbeiterin (IM) der Staatssicherheit. Sie bespitzelt Freunde, Kollegen und observiert Großveranstaltungen. Mitte der 80er Jahre steigt «Dorle» aus ihrer Stasi-Mitarbeit aus. Nach der Wende wird sie als IM enttarnt und sie verliert ihren Job. Im Jahr 2003 stirbt sie mit Mitte 50 an Krebs, ohne inneren Frieden gefunden zu haben.
«Wie bei ´Dorle´ hat sich das vielfach abgespielt, ohne dass es öffentlich wurde. Es gibt unzählige ähnliche Werdegänge», sagt die Künstlerin Christine Berndt. Der 47-Jährigen geht es mit ihrer Opernskulptur darum, die bei vielen ehemaligen DDR-Bürgern immer noch andauernde «Tabuisierung persönlicher Verstrickung in Unrecht während der jüngeren deutschen Vergangenheit» zu thematisieren.
Berndt nutzt die drei Etagen des zehn Meter hohen Grenzwachturms, um die verschiedenen Ebenen in «Dorles» Leben darzustellen. So verweist im ersten Stock die Videoinstallation «Propaganda» mit Ausschnitten aus deutschen Wochenschauen im Zeitraum 1942 bis 1945 auf den Zweiten Weltkrieg. Im fensterlosen Mittelgeschoss des Wachturms wird ein Textband projiziert mit Auszügen aus «Dorles» Tagebuch. Zitate wie «Und im Knast verlor ich mein menschliches Gefühl» oder «Verrat und Selbsthass» zeugen vom inneren Zwiespalt, individueller Schuld und politischer Fremdbestimmung.
Im dritten Stock ist ein Monogesang von «Dorle» zu hören. Das 20-minütige Libretto wurde von Helmut Oehring komponiert und von Natalia Pschenitschnikowa gesungen. Am Dienstagabend (6. Mai) war zur Eröffnung eine Liveperformance der Solistin im Inneren des Wachturms geplant, die mit Hilfe von vier Überwachungskameras auf die Außenwände des Wachturms übertragen wird. Vom Donnerstag bis zum 8. Juni ist «Dorle» dann für vier Wochen jeweils von Donnerstag bis Sonntag 14.00 bis 19.00 Uhr zu sehen.
Kuratorin Moor hofft, dass «der persönliche Zwiespalt und ´Dorles´ Ringen um eine Haltung zu dem, was sie getan hat» auch die Besucher dazu bringt, sich die offen gebliebene Frage zu stellen: «Wie hätte man sich, wie hätte ich mich verhalten?»
(ddp)

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