AP
Beirut (AP) Der Libanon droht im Chaos und in einem neuen Bürgerkrieg zu versinken. Bei blutigen Straßenkämpfen brachte die schiitische Hisbollah-Miliz bis Freitag fast alle muslimischen Viertel der Hauptstadt Beirut unter ihre Kontrolle. Mindestens elf Menschen wurden bei den Kämpfen zwischen der Hisbollah und ihren sunnitischen Gegnern getötet, die der prowestlichen Regierung nahestehen. Über 20 weitere wurden verletzt.
Es ist die schwerste Krise in dem Land seit fast 20 Jahren. Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen forderte die rivalisierenden Parteien zu einer sofortigen Einstellung der Kämpfe und zur Aufnahme von Gesprächen auf.
Die Residenzen des sunnitischen Spitzenpolitikers Saad Hariri und des Drusenführers und scharfen Hisbollah-Kritikers Walid Dschumblatt in West-Beirut wurden am Freitag belagert. Ministerpräsident Fuad Saniora verschanzte sich in seinem von Polizei und Soldaten schwer bewachten Büro in der Innenstadt. Bei ihm hielten sich einige Minister auf. «Auch wenn die Hisbollah alles an sich reißt, bleiben wir doch die von der Verfassung vorgesehene Autorität», erklärte Kabinettsmitglied Ahmed Fatfat.
Rund 100 schwerbewaffnete Hisbollah-Kämpfer zogen die ausgestorbene Hamra-Straße hinunter, normalerweise eine belebte Geschäftsstraße in einem sunnitischen Viertel. Sie errichteten Straßenkontrollposten und durchsuchten die vorbeifahrenden Fahrzeuge.
Die Armee vermeidet es bislang, sich in die Straßenkämpfe hineinziehen zu lassen, da sie ansonsten anhand religiöser Risse auseinanderzubrechen droht. Am Nachmittag rückten Regierungssoldaten in einigen sunnitischen Vierteln in aufgegebene Stellungen nach.
Folgen für gesamte Region
Die Kämpfe könnten Folgen für den gesamten Nahen und Mittleren Osten haben, da sie die ohnehin schon vorhandenen Spannungen zwischen den beiden muslimischen Religionsgruppen Sunniten und Schiiten weiter verschärfen. Der Iran ist überwiegend schiitisch, unterstützt die Hisbollah und steht auch hinter der syrischen Regierung - der mehr oder minder offen auftretenden eigentlichen Macht im Libanon. Regionalmächte wie Ägypten und Saudi-Arabien sind dagegen mehrheitlich sunnitisch. Und im Irak geht der Riss zwischen beiden Gruppierungen quer durch die Bevölkerung.
Am Sonntag soll sich in Kairo ein Krisengipfel der arabischen Außenminister mit der Lage im Libanon befassen, wie die ägyptische Regierung ankündigte. Die syrische Regierung erklärte am Freitag nach einem Treffen mit Vertretern des Golfstaates Bahrain, es handele sich um einen internen Konflikt im Libanon.
Attacke auf Medien
Auslöser der jüngsten Unruhen war am Mittwoch ein Generalstreik der Opposition. Am Donnerstag weiteten sich die Kämpfe auch auf andere Landesteile aus. Beobachteter in Beirut werteten es als Zeichen der Niederlage, dass der Fernsehsender Hariris den Sendebetrieb einstellen musste. Das Gebäude von Hariris Parteizeitung wurde in Brand gesetzt. Später ging auch das Archiv von Hariris Sender in Flammen auf.
Hariri appellierte im libanesischen Fernsehen an Hisbollah-Chef Scheich Hassan Nasrallah, den Kämpfen Einhalt zu gebieten. Ein Abgleiten in einen Bürgerkrieg müsse unbedingt verhindert werden, sagte der Sohn des 2005 ermordeten ehemaligen Ministerpräsidenten Rafik Hariri.
Nasrallah hat der Regierung vorgeworfen, seiner Organisation den Krieg erklärt zu haben. Sanioras prowestliches Kabinett hatte beschlossen, das private Telekommunikationsnetz der schiitischen Miliz zu schließen.
© 2008 The Associated Press. Alle Rechte Vorbehalten - All Rights Reserved

Copyright © 2008 Yahoo! Alle Rechte vorbehalten.