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35 Jahre Talkshow «3nach9»

Bremen (dpa) - Die Radio Bremen-Talkshow «3nach9» flimmert seit 35 Jahren einmal monatlich über den Bildschirm. Die Live-Sendung am Freitagabend ist damit nicht nur die «Dienstälteste», sondern gilt seit langem als Mutter aller Talkshows. Diesen Artikel weiter lesen

Als «3nach9» am 19. November 1974 erstmals in der Nordkette der dritten Fernsehprogramme ausgestrahlt wurde, gab es im deutschen Fernsehen nichts Vergleichbares. Bis in die 80er Jahre hinein brachte die Gesprächsrunde immer mal wieder die Gemüter im Studio wie vor den Bildschirmen in Wallung - positiv wie negativ.

Aus den Flegeljahren ist «3nach9» längst herausgewachsen. Doch am Konzept «Unterhaltung zum Nachdenken» hält der Sender bis heute erfolgreich fest. Im Durchschnitt sehen nach RB-Angaben bundesweit etwa 1,5 Millionen Zuschauer die Talkshow (NDR/RB-Fernsehen, 22.00 bis 24.00 Uhr).

Zur Jubiläumssendung am 6. November hat sich die Redaktion ein «ganzes Bündel an Überraschungen» ausgedacht. So wird der britische Rockstar Sting zum ersten Mal in einer deutschen Talkshow über sein Leben, seine Musik und sein soziales Engagement sprechen. Weitere Gäste des Moderatorenteams Charlotte Roche und Giovanni di Lorenzo sind unter anderem der Schauspieler Jan Josef Liefers sowie die Schauspielerinnen Jessica Schwarz und Miriam Lahnstein.

«Die Zeit»-Chefredakteur di Lorenzo moderiert seit 20 Jahren «3nach». Für ihn ist damit ein Jugendtraum in Erfüllung gegangen. Die Premiere war eine der ersten Fernsehsendungen, die der junge di Lorenzo anschaute. «Meine Eltern hatten das Gefühl, das Fernsehen etwas ganz Schädliches ist für Kinder. Deshalb kam der erste Fernseher erst Ende 1974 ins Haus.» Die Talkshow habe ihn «unglaublich» beeindruckt. «Insofern bin ich mit diesem Mythos aufgewachsen», sagt der 50-Jährige rückblickend. Und er habe gedacht, es wäre toll, selbst mal als Moderator dort zu sitzen. «Ich empfinde es deshalb als Geschenk, diese Sendung moderieren zu dürfen, die neben vielen Vorzügen den Vorteil hat, dass sie nur einmal im Monat stattfindet. So ist ein Moderator für die Zuschauer vielleicht auch nach 20 Jahren noch zu ertragen.»

In der 35-jährigen Geschichte der Talkshow «3nach9» sind einige Aufreger bis heute unvergessen. So zog 1982 Altkommunarde Fritz Teufel eine Wasserpistole und bespritzte den damaligen Finanzminister Hans Matthöfer. Dieser revanchierte sich mit einem Glas Wasser, das er dem verdutzen Teufel kurzerhand aufs Hemd kippte. Ein Kurzvideo aus der Sendung ist auf der Homepage von «3nach9» im Internet anzusehen. Die Feministin und Autorin Gerlinde Schlichter leerte 1984 ihr Glas Rotwein im Nacken eines Bordellchefs, um ihre Abscheu auszudrücken.

«Es ist zwar nicht mehr vorgekommen, dass jemand eine Spielzeugpistole rausholt», sagt di Lorenzo. «Aber auch in meiner Zeit hat es viele Dinge gegeben, die früher eine Fernsehnation in Atem gehalten hätte.» Wenn heute Gäste wutentbrannt weg- oder aufeinander losgingen, rege das die Zuschauer zwar nach wie vor auf, aber es habe nicht mehr die mediale Aufmerksamkeit. «Solche Scharmützel gehen heute nahezu unbeobachtet über den Sender.» Das liege an der enormen Vielfalt an Talkformaten und an der Inflationierung solcher Effekte. «Wenn wir heute versuchten, möglichst viele Skandale zu produzieren, würde das nicht traditionsbewusst wirken, sondern pathetisch.»

An ein Ende seiner Moderatorentätigkeit denkt di Lorenzo derzeit nicht. «Erst wenn man es nicht mehr mit Leidenschaft und Lampenfieber macht oder wenn man sich nicht mehr tierisch aufregen kann, wenn etwas schief geht, dann muss man weg.»

An den Start ging die Sendung mit den Moderatoren Wolfgang Menge, Gert von Paczensky und Marianne Koch. In den 35 Jahren kamen und gingen insgesamt 39 Moderatoren. Rund 4600 Gäste debattierten, stritten sich, stimmten nachdenklich oder nutzen in der Zeit das Forum zur Selbstdarstellung.

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