Erstmals seit Beginn seines Völkermordprozesses ist der ehemalige bosnische Serbenführer Radovan Karadzic vor dem Haager UN-Tribunal erschienen. Der 64-Jährige nahm auf der Anklagebank im Gerichtssaal 1 Platz, um an Anhörungen zum weiteren Vorgehen teilzunehmen. Die Anklage warf Karadzic vor, das Verfahren zu behindern, und drohte, ihn notfalls mit Gewalt vor das Gericht zu bringen. Diesen Artikel weiter lesen
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"Herr Karadzic darf das Verfahren nicht durch seine Entscheidung manipulieren, nicht daran teilzunehmen", sagte die deutsche Anklägerin Hildegard Uertz-Retzlaff und warf dem Angeklagten "obstruktives Verhalten" vor. Das Gericht dürfe eine unnötige Verzögerung des Verfahrens nicht zulassen.
Der Vorsitzende Richter O-Gon Kwon wies darauf hin, dass "das Gericht und nicht eine beschuldigte Person" die Bereitschaft zum Prozess erkläre. Schon am Montag hatte Kwon betont, sollte Karadzic seine Haltung nicht ändern, könne das UN-Tribunal den Prozess auch in Abwesenheit des Angeklagten fortsetzen oder einen Pflichtverteidiger einsetzen. Das Gericht vertagte sich am Nachmittag und kündigte eine Entscheidung über das weitere Vorgehen noch in dieser Woche an.
Karadzic forderte erneut mehr Zeit zur Vorbereitung seiner eigenen Verteidigung. Er habe seine Spaziergänge an der frischen Luft aufgegeben und arbeite Tag und Nacht, um den Prozess vorzubereiten. Der Prozess sei "die letzte Gelegenheit, um zur Wahrheit zu finden".
Karadzic will sich in dem Verfahren selbst verteidigen und hatte die Prozesseröffnung am Montag vergangener Woche sowie zwei weitere Sitzungen mit der Begründung boykottiert, ihm sei nicht genügend Zeit für das Aktenstudium gegeben worden. Sein Antrag, zur Prozessvorbereitung und zum Studium der mehr als eine Million Seiten umfassenden Unterlagen weitere zehn Monate Zeit zu bekommen, war im September abgelehnt worden. Einen Pflichtverteidiger lehnt Karadzic entschieden ab.
Karadzic ist wegen Völkermordes, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit im Bosnienkrieg von 1992 bis 1995 angeklagt. Im Mittelpunkt der Anklage steht das Massaker von Srebrenica, bei dem mehr als 7000 muslimische Jungen und Männer getötet wurden. Karadzic war im Juli 2008 nach einem 13 Jahre langen Versteckspiel in Belgrad gefasst worden. Ihm droht lebenslange Haft.




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