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Karadzic boykottiert Auftakt des Kriegsverbrecherprozesses

Zur Enttäuschung der Hinterbliebenen des Bosnien-Krieges hat der frühere Serbenführer Radovan Karadzic den Auftakt seines Prozesses von dem UN-Kriegsverbrechertribunal boykottiert. "Wir sind 2000 Kilometer angereist und haben 15 Jahre gewartet - und nun wird der Prozess vertagt", sagte eine Bosnierin in Den Haag. Richter O-Gon Kwon aus Südkorea drohte Karadzic bei anhaltendem Widerstand mit Zwangsmaßnahmen. Diesen Artikel weiter lesen

"Wenn er den Fortgang des Prozesses dauerhaft behindert, können entsprechende Maßnahmen ergriffen werden", sagte Richter O-Gon. Zunächst ordnete er jedoch eine Vertagung auf Dienstag, 14.15 Uhr an. Karadzic, der sich wegen Völkermordes, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit verantworten muss, hatte angekündigt, die Prozesseröffnung zu boykottieren. Auch seine Rechtsvertreter erschienen nicht. Sollte das Gericht einen Pflichtverteidiger einsetzen, müssten diesem Monate zum Aktenstudium eingeräumt werden. Karadzic will sich jedoch grundsätzlich selbst verteidigen.

Das Gericht kann die Anklageschrift auch in Abwesenheit des 64-Jährigen verlesen lassen. Es gebe aus ihrer Sicht "keinen Grund, den Prozess nicht zu eröffnen", sagte die deutsche Staatsanwältin Hildegard Uertz-Retzlaff, die zu den Vertretern der Anklage gehört. Auf die Entscheidung O-Gons, das Verfahren zunächst zu vertagen, reagierten 30 Mütter von Opfern des Bosnien-Kriegs (1992-95), die eigens nach Den Haag angereist waren, mit Zornausbrüchen. "Wir wollen, dass Karadzic verurteilt wird", sagte Bakira Hasecic, die nach eigenen Angaben während des Krieges mehrfach vergewaltigt wurde. "Aber ich würde mich nicht wundern, wenn er nie vor Gericht erscheint."

Karadzic hatte vergeblich beantragt, zehn weitere Monate für die Vorbereitung seiner Verteidigung zu erhalten. Der Angeklagte werde seine Ansichten wohl kaum ändern, sagte sein Rechtsbeistand Marco Sladojevic. "Er kann sicherlich nicht in einer Nacht eine Million Seiten lesen." Die Anklageschrift gegen Karadzic umfasst elf Punkte. Im Mittelpunkt steht das Massaker von Srebrenica, bei dem mehr als 7000 muslimische Jungen und Männer getötet wurden.

Die Klagen beziehen sich auch auf die mehrjährige Belagerung der bosnischen Hauptstadt Sarajevo, während der rund 10.000 Menschen ums Leben kamen. Die Prozessakten enthalten knapp eine Million Seiten Beweismaterial und hunderte Zeugenaussagen. Karadzic war im Juli 2008 nach einem 13 Jahre langen Versteckspiel in Belgrad gefasst worden.

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