Postdam (ddp-lbg). Die Antwort des Vaters hat sie über Jahre begleitet. «Die schießen uns sonst tot», habe er gemeint, als die kleine Marianne wissen wollte, warum sie bei ihren regelmäßigen Bootsausflügen hinter der Glienicker Brücke nie nach rechts abbiegen. Nach rechts ging es in den Westen. Links kommt man über den Jungfernsee und den Sacrow-Paretzer-Kanal zum Schlänitzsee. Dort hatte die Familie ein Lauben-Grundstück, auf dem sie in den 50er Jahren regelmäßig die Wochenenden verbrachte. Das war vor dem Mauerbau 1961. Diesen Artikel weiter lesen
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Später, als Marianne Skowrnowski selbst Mutter war und die Mauer die Stadt teilte, stand sie mit ihrer Tochter vor dem Brandenburger Tor und Berlin und als ihr Kind fragte, warum sie da nicht durchlaufen können, antwortete sie: «Weil die sonst schießen.» Und als sie wiederum einige Jahre später, zum 65-jährigen Geburtstag ihrer Cousine, das erste Mal nach West-Berlin durfte, da hatte Marianne Skowrnowski das Gefühl, als ginge sie am Staakener Grenzübergang durch einen unendlich langen Korridor. «Und ich dachte, dass in jedem Augenblick hinter mir Schüsse fallen würden.»
Die Glienicker Brücke - Bühne des Kalten Krieges, stählernes Abbild der deutschen Teilung und Symbol der Wiedervereinigung - Marianne Skowrnowski hat sie in all diesen Eigenschaften und Facetten erlebt. Die Boots-Passage von Babelsberg zum Schlänitzsee fand vor der Errichtung der Mauer eine regelmäßige Unterbrechung am Glienicker Horn, wo an einer Kontrollstelle die Nummern am Bug der Boote registriert wurden, bevor sie weiter schippern durften. Der kindlichen Unbefangenheit konnte dieser Zwischenstopp nichts anhaben.
Als Marianne Skowrnowski 20 Jahre alt war, bekamen die Restriktionen im Grenzgebiet - das war das Areal nahe der Mauer - an der Glienicker Brücke weitaus größeren Einfluss auf ihr weiteres Leben. Silvester 1970 lernte sie einen Mann kennen: elf Jahre älter, geschieden - und er wohnte zusammen mit seinem Bruder in der Schwanenallee vis-a-vis der Glienicker Brücke. Zutritt gab es nur für Anwohner mit einem Passierschein der DDR-Behörden. «Wir wollten uns näher kennenlernen«, erzählt Marianne Skowrnowski, doch war das nicht leicht, wenn das Näherkommen an Grenzen stieß. Die dunkle Jahreszeit und die beschlagenen Autoscheiben eines Trabant 500 wurden schließlich zu Paten des jungen Glücks. Die Grenzposten winkten das Auto durch, ohne genau darauf zu achten, wer darin saß. Sie kannten das Fahrzeug aus der Schwanenallee, das Kennzeichen war ihnen vertraut.
Um eine gemeinsame Zukunft zu planen, genügte ein Wochenende: »Wir haben von Freitag bis Sonntag die Wohnung nicht verlassen«, erinnert sich Marianne Skowrnowski - aus Angst, dass irgendein Nachbar verrät, dass sie sich ohne Erlaubnis in Form des Passierscheins im Grenzgebiet aufhält. Ostern ´71 haben sie sich verlobt, im darauffolgenden Sommer geheiratet. Marianne Skowrnowski erhielt einen Passierschein, zog in die Schwanenallee und blickte fortan übers Wasser gen Westen. Die Sacrower Heilandskirche am anderen Havel-Ufer schien zum Greifen nah und blieb dennoch unerreicht. Sie entwickelte eine Sehnsucht, »die immer da war«. Sie erlebte Mangelwirtschaft, wusste selbst um das Leid einer zerrissenen Familie und wusste von politischen Repressalien gegenüber Andersdenkenden.
Aber sie spricht auch von einer schönen Kindheit, von einem Leben, mit dem man sich arrangiert hat. »Ich war ein Laubenpieperkind«, sagt sie. Sie erzählt von Angelwettkämpfen, zeigt Bilder ihrer Jugendweihe, von Schulausflügen an die Ostsee und Frauentagsfeiern im Betrieb. In Buchow-Karpzow, einem kleinen Dorf nördlich von Potsdam, haben sie sich vor 30 Jahren ein altes Haus gekauft und ausgebaut. Halbtags arbeitete Marianne Skowrnowski als Postbotin, den Rest des Tages füllten die Kinder und die Bewirtschaftung von 5000 Quadratmeter Hof und Feld aus.
Am Abend des 9. November 1989 stand ihr Schwager, der noch immer an der Schwanenallee wohnte, vor der Tür und meinte: »Ich glaube, die Glienicker Brücke wird aufgemacht.» Kurze Zeit später beobachtete Marianne Skowrnowski vom Beifahrersitz aus, wie die Grenzposten auf der Glienicker Brücke Blumenkübel aus dem Weg räumten und ihnen signalisierten, dass sie freie Fahrt hätten. Der Wink konnte nur ihnen gelten, denn es war niemand weiter zu sehen. Also fuhren sie los, passierten langsam die Brücke, rollten die stockfinstere und menschenleere Königsallee bis nach Wannsee hinunter, wo sie einen verdutzten Tankwart nach dem Weg Richtung Friedenau fragten. Dort klingelten sie bei ihrer Cousine - pünktlich zum Abendessen. Es gab Pellkartoffeln und Matjeshering.
Auf dem Weg zurück Richtung Glienicker Brücke waren sie nicht mehr allein: Hunderte strömten von Zehlendorf Richtung Potsdam, wo die Brücke in dem historischen Moment dem Namen gerecht wurde, den ihr die DDR-Staatsoberen gegeben hatten: Brücke der Einheit.
(ddp)




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