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«Ohne die Hunderttausenden wäre gar nichts passiert»

Karlsruhe (ddp). Als Bärbel Bohley ans Rednerpult tritt, hält sie keinen ausformulierten Vortrag. Sie spricht frei und ermutigt als erstes ihre Zuhörer: «Sie können alles fragen.» Es gebe «keine Geheimnisse, wir sind hier nicht in irgendeiner Partei», sagt die heute 64-jährige Bürgerrechtlerin, die vor 20 Jahren an maßgeblicher Stelle mithalf, die DDR zum Einsturz zu bringen. Diesen Artikel weiter lesen

Zugleich macht Bohley am Donnerstagabend in einem Hörsaal der Karlsruher Universität deutlich, dass sie nicht zwischen «wichtigen und unwichtigen Leuten» in der damaligen friedlichen Revolution unterscheiden wolle. Die Debatte, wer der Antreiber bei den Veränderungen im Herbst ´89 war, sei «ein ganz unfruchtbarer Streit», mahnt die Initiatorin der Bürgerrechtsbewegung Neues Forum. «Ohne die vielen Hunderttausend Leute, die sich in Bewegung gesetzt haben, wäre da gar nichts passiert», ist Bohley überzeugt.

Dabei müsse gesehen werden, «dass der Aufbruch im Herbst ´89 von den kleinen Dörfern bis in die großen Städte lief». Dieser «Aufbruch der ganzen Gesellschaft» werde heute unterschätzt und oft weggeredet. Und Bohley besteht darauf: «Es war eine Revolution. Wir haben wirklich unsere Gesellschaft auf den Kopf gestellt.»

Bohley engagierte sich seit Mitte der 80er Jahre in der Menschenrechtsbewegung der DDR und war Gründungsmitglied der Initiative Frieden und Menschenrechte. 1988 wurde sie bei der Luxemburg-Liebknecht-Demonstration in Berlin von der Stasi verhaftet und in den Westen abgeschoben. Im August 1988 kehrte sie zurück und initiierte 1989 die Bürgerrechtsbewegung Neues Forum.

Überbewertet wird nach ihrer Auffassung heute die Bedeutung der Kirche in der DDR für den Mauerfall. «Die Kirche hat nichts befördert, was die Leute auf der Straße nicht selbst in Gang gesetzt haben», sagte Bohley. Die Kirche sei «doch ziemlich angepasst» gewesen. Die Opposition in der DDR habe «außerhalb der Kirche aufgebaut werden müssen, weil die Kirche in gewisser Weise staatstragend gewesen ist». Es habe dort zahlreiche informelle Mitarbeiter der Stasi gegeben. Die Kirche in der DDR habe zwar ihre Räume zur Verfügung gestellt, sie hätte aber «viel früher zum Widerstand aufrufen können», betonte Bohley.

Heute seien die Bundesbürger in Ost und West «noch nicht wirklich in der deutschen Einheit angekommen», bilanzierte sie. Immer noch gebe es Egoismen und Mentalitätsunterschiede. Eine «Ostnostalgie» sieht sie nicht - die werde nur herbeigeredet. Es gebe aber eine «große Sehnsucht nach der Aufbruchzeit von ´89» und danach, dass jeder die Gesellschaft mitgestalten könne. Stattdessen würden die Bürger von der Politik «zugeschüttet mit irgendwelchen Phrasen». Sie rügt zudem, dass der 20. Jahrestag des Mauerfalls in Berlin mit dem symbolischen Einreißen einer Mauer und nach dem Motto «Friede, Freude, Eierkuchen» gefeiert werde.

Als Bohley gefragt wird, in welchem Bereich sich die Bürger der Bundesrepublik besonders engagieren sollten, verweist sie auf den aus ihrer Sicht fehlenden Widerstand gegen den Abbau von Bürgerrechten, etwa beim Datenschutz. «Mich wundert immer, wie still die Republik ist», sagt Bohley. «Wenn die Bürgerrechte abnehmen, lassen wir uns entmündigen», warnt sie. Sie habe lange genug in einer Gesellschaft gelebt, in der der Bürger entmündigt worden sei. «Ich bin so froh, dass wir das überwunden haben», betont Bohley. Skepsis sei aber angebracht und werde «gebraucht in diesem Land».

(ddp)

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