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Schüler aus Mecklenburg beteiligen sich an Dominoaktion in Berlin

Schwerin (ddp-nrd). Wenn am 9. November in Berlin fast 1000 bemalte Mauersteine wie ein überdimensionales Dominospiel umkippen und so an den Mauerfall vor 20 Jahren erinnern, wird Anna Prötzig aus Boizenburg (Landkreis Ludwigslust) in der ersten Reihe stehen. Gemeinsam mit sechs Mitschülern der Beruflichen Schule Schwerin hat sie einen der 2,50 Meter hohen Styroporsteine gestaltet, der nun Teil der Aktion beim «Fest der Freiheit» in Berlin sein wird. Sie selbst kann sich an dieses Datum nicht erinnern: Anna wurde genau einen Tag nach dem historischen Ereignis, am 10. November 1989, geboren. Diesen Artikel weiter lesen

Um auch der Generation nach 1989 DDR-Geschichte näher zu bringen, wurden Jugendliche aus aller Welt dazu aufgerufen, sich an der Dominoaktion zu beteiligen. Fünf dieser symbolischen Mauersteine gingen nach Mecklenburg-Vorpommern: nach Rostock, Schwerin, Boizenburg und Ludwigslust. Joachim Nüsing, Sozialkunde- und Wirtschaftslehrer an Annas Schule, war sofort von der Idee begeistert. «Ich finde das eine gute Sache, junge Leute auf diese Weise an die Thematik heranzuführen», sagt er.

Gerade Jugendliche müssten immer wieder an die Schrecken der SED-Diktatur erinnert werden, damit «so etwas nie wieder passiert», sagt Nüsing. So mancher Schüler habe ein verklärtes Bild von der DDR. Vor allem die Kinder derer, die im Zuge der Wende arbeitslos geworden seien, hätten manchmal eine einseitige Sichtweise auf die «gute alte DDR-Zeit».

Nur vier Tage hatten die Schüler dann Zeit, den Quader zu gestalten, bevor er wieder zurück in die Hauptstadt gebracht wurde. «Es war anstrengend, das in so kurzer Zeit hinzubekommen», erinnert sich Anna, die für die Koordination zuständig war. Spaß gemacht habe es aber trotzdem, obwohl die Schüler ihre Freizeit nach dem Unterricht opfern mussten. Nach einigen Debatten einigten sich die sieben Schüler darauf, die eine Seite mit einer männlichen Figur zu bemalen, die mit einem Hammer ein Loch in eine Mauer schlägt. Sie soll für die Bürger der ehemaligen DDR stehen, erläutert die Jugendliche.

Auf die andere Seite haben die Schüler mit roter und schwarzer Farbe Sprüche gepinselt, die alle den Begriff der Freiheit zum Thema haben. Der NS-Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer wird hier mit «Nicht nur die Tat, sondern auch das Reden ist ein Weg zur Freiheit» zitiert oder auch die 1919 ermordete Sozialistin Rosa Luxemburg: «Freiheit ist immer auch die Freiheit des anders Denkenden».

Auch die Schüler des Rostocker Europagymnasiums haben lange überlegt, wie sie ihren Stein gestalten. «Wir wollten zeigen, dass die Mauer nicht nur in Berlin gefallen ist», sagt die 18-jährige Nele Annelie. «Ostsee ohne Grenzen» steht jetzt auf einer Seite, dazu das Bild vom regen Fährverkehr. «Hier an der Ostsee waren viele Menschen nach dem 9. November zuerst in Dänemark und Schweden, bevor sie in den Westen gefahren sind», erzählt die Rostockerin.

Auf der Rückseite des Steins haben die Jugendlichen die Frage geschrieben: «Wann fällt die Mauer in den Köpfen?» «Wir wollen auch kritisieren. Es ist ja nicht so, dass mit Öffnung der Grenzen nur noch Positives im Osten passiert ist», begründet Robin Czarnecki. In Geschichte komme dieses Thema viel zu kurz, deshalb finde er die Idee, den 9. November künftig an allen Schulen als «Projekttag für politische Themen» zu nutzen, auch gut.

Auch für Nele ist der Tag des Mauerfalls besser geeignet, über die deutsche Vergangenheit zu reden, als beispielsweise der Tag der Deutschen Einheit am 3. Oktober. «Der 9. November ist ein emotionaleres Datum, man kann besser nachvollziehen, was sich damals abgespielt hat», sagt sie.

Am Montag werden die Jugendlichen aus Boizenburg, Rostock, Schwerin und Ludwigslust ihre Steine wiedersehen, die bereits wie eine Mauer quer durch Berlin aufgebaut sein werden. Sie seien stolz, dabei zu sein, und auch etwas aufgeregt, geben die Rostocker Zwölftklässler Anton Jerjomin und Lars Peschenz zu. «Das wird eine riesige Versammlung von Leuten, ein bisschen werden wir wohl was von dem Flair mitbekommen, wie es damals gewesen sein muss», sagen sie.

Am 9. November um 19.25 Uhr, so der Plan, soll die Kettenreaktion am Brandenburger Tor mit gleichzeitigem Feuerwerk ausgelöst werden. Um diese Zeit vor 20 Jahren gab SED-Politbüro-Funktionär Günter Schabowski eine Erklärung ab, die am noch selben Abend zum Fall der Mauer führte. Wenige Stunden später erblickte Anna im Rostocker Krankenhaus das Licht der Welt, die Rostocker Beteiligten an der Dominoaktion waren allesamt noch nicht geboren.

(ddp)

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