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Einzigartige Textilmanufaktur bewahrt Kunstgeschichte

Halle (ddp-lsa). Mit einer schwarzen Lupenbrille sitzt Christine Bargeda gebeugt über einem löchrigen, alten Stück Stoff. Mit einer Rundnadel wählt sie sorgsam ihre Stiche, um die Lücken an den Rändern zu schließen. «Nichts darf verloren gehen, die alte Substanz muss erhalten bleiben», sagt sie. Was nach einem zerschlissenen Tuch aussieht, ist Teil der Kunst- und Kulturgeschichte. Die 59-Jährige hat einen Bildteppich aus dem 18. Jahrhundert zwischen ihren fachkundigen Fingern. In der deutschlandweit als einmalig geltenden Staatlichen Textil- und Gobelinmanufaktur in Halle arbeitet sie als Restauratorin. Diesen Artikel weiter lesen

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Für das älteste deutsche Adelshaus Wittelsbach und dessen private Schlossräume versucht Bargeda die Tapisserie, die mehrere Hunderttausend Euro wert sei, zu erhalten. In der Werkstatt hat sie den fünf Mal drei Meter großen Bildteppich auf einem großen Tisch ausgebreitet. Seit Mitte Oktober nähe sie daran. Der rechte Daumen und Zeigefinger der Frau haben bereits ihre Unversehrtheit eingebüßt: Hornhaut hat sich gebildet, Einstichstellen sind zu sehen. Zudem habe sie am Abend oft rote Augen, berichtet die Handarbeiterin.

Insgesamt werden wohl 500 Arbeitsstunden verstreichen, bis sie mit der Restaurierung an dem auf der ganzen Welt einmaligen und aus der «Brüsseler Werkstatt» stammenden Kunstwerk fertig sei, sagt sie. Das Motiv dürfe sie aber nicht beschreiben. Die Gründe lägen in der Versicherung des Wandschmuckes.

Mehr als 30 Tapisserien hat Bargeda in Halle bereits restauriert. Die älteste davon stamme aus dem 15. Jahrhundert und sei eine «große Herausforderung» gewesen. «Damals gab es ganz andere Webtechniken als heute», erklärt sie.

Zum Repertoire der Fabrik gehört nicht nur die Restaurierung alter textiler Ausstattungen wie Teppiche oder Fahnen, sondern auch die Arbeit auf historischen Webstühlen. Auf diesen Geräten entstehen unter anderem Bauhausstoffe für die berühmten Marcel-Breuer-Stühle. In der Manufaktur, die über eine eigene Färberei verfügt, arbeiten derzeit zwölf Angestellte. Einige von ihnen beherrschen seltene Knüpftechniken wie das Savonnerie-Knüpfen, das nur noch in Frankreich betrieben werde.

«Durch die Vielfalt der ausgeübten historischen Techniken ist die Manufaktur die einzige dieser Art in ganz Europa», betont Geschäftsführer Dirk Willman. «Als Bewahrer unwiederbringlichen Kulturguts», wie Willmann sagt, würden in der Manufaktur auch faden- und farbgenaue Repliken oder Substituten hergestellt. Er verweist auf ein Projekt für Sachsen.

Derzeit entsteht ein farbenprächtiges Muster für die Wandbehänge der Paraderäume im Dresdner Schloss. Während der Bombardierung Dresdens am Ende des Zweiten Weltkriegs wurde das Herrscherhaus des sächsischen Kurfürsten vernichtet. Für die denkmalgerechte Rekonstruktion der Räume und somit auch für die textile Wandtapete dienen unter anderem überlieferte Pläne des Schlosses und historische Originalaufnahmen als Vorlage.

Speziell an das Hochzeitszimmer legen die Hallenser Hand an. Bis zum Frühjahr 2010, pünktlich zu einer Tagung im Dresdner Schloss, sollen die Proben vollendet sein, um sie erstmals einem internationalen Fachpublikum vorstellen zu können. Bis dahin werden in Halle acht Tapetenbahnen aus rotem Brokat mit barockem Blumenmuster bestickt. 2013 soll der Wiederaufbau des Dresdner Schlosses vollendet sein und die Paraderäume für den Besucherverkehr freigegeben werden.

Für die Blumenapplikationen werde blutroter Samt benutzt, für die Stickerei goldene und grüne Seidenfäden, erklärt der Geschäftsführer weiter. Nicht nur Geschick, sondern Geduld und Einfühlungsvermögen seien für die Handarbeit notwendig, sagt Restauratorin Bargeda.

Während die privaten Auftragsarbeiten wie die Tapisserie, an der Bargeda derzeit arbeitet, nach ihrer Arbeit hinter verschlossenen Türen verschwinden, habe sie an Museumsstücken immer wieder Freude. Bei Schlossbesuchen möchte sie gerne mit dem Finger auf Gobelins und andere historische Textilien zeigen und sagen: «Das hatte ich auch schon mal unter meinen Fingern.»

(ddp)

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