Asbach (ddp-hes). Vor den Toren des Grenzmuseums Schifflersgrund steht der pädagogische Mitarbeiter Gustav Nolte umringt von einer Schülergruppe. Mit ruhiger Stimme erzählt er von jenem Tag im Jahr 1982, als der DDR-Arbeiter Heinz-Josef Große versucht hatte, mit Hilfe seines Traktors über den Grenzzaun nach Westdeutschland zu klettern. «Warum stehen wir an diesem Punkt?», fragt Nolte. Von dem Hügel aus blicken die Jugendlichen direkt auf das längste noch erhaltene Stück der ehemaligen innerdeutschen Grenze - an dieser Stelle wurde Heinz-Josef Große damals bei seinem Fluchtversuch erschossen. Nach dem Willen der hessischen Landeregierung sollen künftig alle Schüler das Grenzmuseum besuchen. Diesen Artikel weiter lesen
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Derzeit besichtigen etwa 4000 Schüler pro Jahr die Gedenkstätte Schifflersgrund. Museumsleiter Wolfgang Ruske berichtet, dass er den Kultusministerien in Hessen und Thüringen Briefe geschrieben habe. Darin habe er gefordert, den Besuch im Grenzmuseum zu einem festen Bestandteil des Lehrplans an Schulen zu machen - als Pflichtbesuch, ähnlich wie das bei Gedenkstätten schon jetzt der Fall sei, die sich mit dem Terror des Dritten Reiches auseinandersetzen.
«Schüler sollten nicht nur auf eine Klassenfahrt zu Kaffee und Kuchen bei uns vorbeikommen, sondern der Besuch sollte ausführlich im Unterricht behandelt werden», betont Ruske. Nur so könne deutlich herausgearbeitet werden, dass es sich bei der DDR um einen Unrechtsstaat gehandelt habe. «Sonst kommt es zu einer Geschichtsverklärung, zu einer Nostalgiewelle.»
Von Geschichtsverklärung ist bei den Schülern der zehnten Klasse der Theodor-Heuss-Schule aus Homberg (Efze) an diesem Tag wenig zu spüren. Einige Schüler wandern zwischen altem Wachturm, Hubschraubern und Panzern umher - alles Relikte aus Grenzzeiten. Zur Scherzen ist niemand aufgelegt. «Die DDR ist ein wichtiges Thema», sagt die 16-jährige Paulina. Sie finde das, was an der innerdeutschen Grenze passiert ist, schockierend. Die DDR sei auf jeden Fall ein Stück Geschichte, mit dem Schüler sich befassen müssten. «Eigentlich wissen wir viel über die DDR», sagt ihr Klassenkamerad Johannes. Aber außerhalb des Geschichtsunterrichts sei die DDR kaum Thema von Gesprächen. Und was im Dritten Reich passiert sei, sei ohnehin viel schlimmer gewesen.
Für ihren Lehrer Johannes Grötecke ist der Besuch in der Gedenkstätte eine wertvolle Erfahrung: «Hier lernen die Schüler zehn Mal mehr als im normalen Unterricht.» Er sei jedoch dagegen, einen solchen Besuch zur Pflichtveranstaltung zu machen. Zwang sei nicht das richtige Mittel, die Jugendlichen sollten sich lieber aus freien Stücken dafür entscheiden.
Nach Angaben des Kultusministeriums sollen die beiden hessischen Grenzmuseen «Point Alpha» und «Schifflersgrund» als außerschulische Lernorte künftig im Geschichtsunterricht unbedingt einen Platz haben. Von einer Pflichtveranstaltung ist aber keine Rede. «Es ist das Ziel der hessischen Landesregierung, dass die Aufarbeitung des SED-Regimes ein wichtiger Bestandteil des Unterrichts an den hessischen Schulen ist», sagt Ministeriums-Sprecher Alexander Hirt.
Ein Besuch in einer Gedenkstätte sei sinnvoll, wenn dieser in den Unterricht eingebettet und nachbereitet werde. Das Kultusministerium arbeite daher an einer Handreichung für Lehrer. «Mit deren Hilfe können Lehrer künftig die Geschichte der DDR im Schulunterricht noch vertiefter darstellen und noch gezielter Besuche in den Gedenkstätten vorbereiten», sagt Hirt. Zudem unterstütze sein Ministerium die Grenzmuseen mit mehreren Pädagogenstellen.
Mittlerweile ist die Gruppe um den Pädagogen Gustav Nolte an einer Art Aussichtspunkt angekommen. Was mit Heinz-Josef Große am 29. März 1982 genau passiert sei, wollen die Schüler wissen. Auf dem Hang gegenüber steht ein schlichtes Kreuz aus Holz. «Ist er erschossen worden?», fragt ein Junge. Nolte berichtet, dass der Mann dem offiziell nicht existierenden Schießbefehl zum Opfer gefallen sei: «Mit neun Schüssen haben ihn die Grenzsoldaten getötet. Er verblutete an der Grenze. Drei westdeutsche Zollbeamte mussten das mitansehen, aber sie konnten ihm nicht helfen, weil er noch auf DDR-Boden lag», sagt Nolte. Der Traktor von Heinz-Josef Große steht als Ausstellungsstück auf dem Gelände des Museums.
(ddp)




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