München (ddp-bay). Die Sicherheitspolitik lässt die Bestseller-Autorin Juli Zeh nicht los: Nach ihrem Science-Fiction-Roman «Corpus Delicti» und ihrem Essayband «Angriff auf die Freiheit» warnt sie in ihrem neuen Theaterstück «Der Kaktus» wieder vor Sicherheitswahn und Terrorismushysterie. Allerdings greift sie nun zu neuen Mitteln: Sie hat ein Boulevard-Theaterstück geschrieben. «Der Kaktus» wird am Donnerstag in einer Inszenierung von Bettina Bruinier am Münchner Volkstheater uraufgeführt. Diesen Artikel weiter lesen
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Die 1974 geborene Juli Zeh ist eine der populärsten Vertreterinnen der jungen Autoren-Generation und bekannt dafür, in ihren Werken Genre-Grenzen zu verwischen. Dieses Mal erzählt sie einen Krimi mit den Mitteln der Satire, der Groteske und des Boulevards: Einem übereifrigen GSG9-Mann ist ein entscheidender Coup gelungen. Er hat einen «Gefährder» festgesetzt und die Sicherheit der westlichen Welt liegt in seinen Händen. Nur verweigert der potenzielle Bombenleger jede Aussage und der Beamte im Machtrausch scheint nicht zu erkennen, wen er da verhört: einen Kaktus.
Bei all der komischen Absurdität des Versuchsaufbaus bleibt Juli Zeh ganz die politische Autorin, als die sie sich in ihren beiden jüngsten Werken gezeigt hat. Im lockeren Ton der Metapher verhandelt sie die drängenden Fragen unserer Zeit: Terrorismus, Sicherheitspolitik und Folter. «Ich fand es reizvoll, die Boulevard-Form mit diesem brutalen Thema zusammenzubringen», sagte Juli Zeh im ddp-Interview.
Eigentlich würde sie die wenigsten ihrer Texte als politisch bezeichnen. Seit sie jedoch das Thema Sicherheitspolitik immer mehr beschäftigt, drängt sich auch die Politik stärker in ihr Werk: «Ich mache mir ernsthaft Sorgen, dass wir gerade dabei sind, unseren Staat und unsere Gesellschaft umzuorganisieren - und zwar in einer Weise, die wir vielleicht eines Tages bereuen werden», sagt Zeh. Daraus entstehe für die Autorin ein Handlungsantrieb, den sie als Verpflichtung verstehe. «Ich will im ganz altmodischen und klassischen Sinne aufklären», sagt die Autorin. «Die Menschen lassen sich zur Zeit ihre Grundrechte wegnehmen, als wären sie nichts wert. Und ich versuche immer wieder zu erklären, dass von diesen Umbaumaßnahmen nicht nur Terroristen betroffen sind, sondern auch das Leben jedes einzelnen.»
Das 2007 uraufgeführte Science-Fiction-Theaterstück «Corpus Delicti» bezeichnet Zeh als ihr erstes dezidiert politisches Werk. Darin entwirft sie eine Zukunftsgesellschaft, die in einer Gesundheitsdiktatur lebt. Zigaretten, Alkohol und Küsse sind verboten - und wer sich nicht an einen gesunden Lebensstil hält, gilt als Systemfeind und wird zum Einfrieren verurteilt. «Als politische Autorin habe ich mich erst über die Bühne entdeckt», erinnert sich Zeh. «Ich hatte das Gefühl, mich mit ´Corpus Delicti´ sehr weit aus dem Fenster gelehnt zu haben.» Sie selbst bezeichnet das Stück als didaktisch: «Ich wollte wachrütteln.» Damit hatte sie Erfolg - als sie das Stück Anfang 2009 zum Roman umarbeitete, schaffte er es im Nu auf die deutschen Bestsellerlisten.
Auch außerhalb der Literatur engagiert sich Zeh, die examinierte Juristin ist, für Datenschutz und Bürgerrechte: Im Jahr 2008 legte sie Beschwerde vor dem Bundesverfassungsgericht gegen den biometrischen Reisepass ein. Fingerabdrücke auf einem Chip in ihrem Reisedokument erschienen ihr unheimlich.
In Szene gesetzt wird «Der Kaktus» von Bettina Bruinier, die bereits Zehs Roman «Schilf» für die Bühne des Volkstheaters bearbeitet hat. «Ich habe ihr völlig freie Hand gelassen», sagt Zeh, die die Inszenierung bei der Premiere zum ersten Mal sehen wird. «Ich hoffe nur, dass sich die Zuschauer amüsieren werden. Denn bei allem Ernst soll das Stück vor allem unterhaltsam sein.»
(ddp)




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