Berlin (ddp-bln). Nur noch ein paar Schritte trennten Georg Elser von der rettenden Schweiz. In diesen Abendstunden des 8. November 1939 will er nahe Konstanz über die «grüne» Grenze flüchten. Aber die deutschen Zollbehörden haben aufgepasst und fangen ihn ab. Ein Zufallstreffer. Noch wissen sie nicht, wer ihnen da ins Netz ging. Zur gleichen Zeit tickt im Münchner Bürgerbräu-Keller eine Bombe. Sie soll den deutschen Reichskanzler Adolf Hitler in die Luft jagen. Diesen Artikel weiter lesen
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«Elser hatte den Tatort schon 1938 ausgekundschaftet», sagt der Dramatiker Rolf Hochhuth. «Also sechs Jahre vor Stauffenbergs Attentat. Johann Georg Elser ist eine der beeindruckendsten Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts.» Anlässlich des 70. Jahrestages müsse «diesem deutschen Helden» in Berlin endlich ein Denkmal gesetzt werden, fordert Hochhuth. Bezahlt werden soll es von Hermann Reemtsma, dem Gründer der gleichnamigen Stiftung.
Die Persönlichkeit Elsers irritiert die Öffentlichkeit bis heute. Sie wirkt nicht stolz und edel wie Graf Schenk von Stauffenberg, der mit Wissen eines elitären Unterstützerkreises am 20. Juli 1944 seinen erfolglosen Anschlag auf Hitler unternahm. Ein radikaler Terrorist mit politischem Anliegen ist Elser jedoch auch nicht gewesen. Vielleicht konnten gerade wegen der wenig schillernden Persönlichkeit zur Nazi-Zeit und nach dem Krieg Gerüchte über Elser in Umlauf gebracht werden, die alle verwischten, dass Georg Elser ein idealistischer Einzeltäter war. «Ein einfacher Tischlermeister, ein Mann aus dem Volk», sagt Hochhuth.
Dabei hat Elser bis zum Tag des Attentats bereits einen bewegten Lebenslauf. Der im Januar 1903 im württembergischen Hermaringen Geborene muss aus gesundheitlichen Gründen eine Dreherlehre abbrechen. Die anschließende Schreinerlehre beendet er als Bester seines Jahrgangs. Ab Mitte der zwanziger Jahre arbeitet er in einer Uhrenfarbik. Es folgt ein kurzes, unengagiertes Intermezzo beim Rot-Front-Kämpferbund, ehe er wegen der Weltwirtschaftskrise in die Schweiz geht. 1932 kehrt er zurück.
Von da an arbeitet er im Betrieb des Vaters mit, der Holzhändler und Landwirt ist. Es schließen sich wechselnde Tätigkeiten in kleinen Privatwerkstätten und in einer Armaturenfabrik an, wo er von Rüstungsplänen des Reiches erfährt. Kurzzeitig ist Elser Hilfsarbeiter in einem Steinbruch. Ein Arbeitsunfall beendet das Nomadenleben.
Auch die Vorbereitungen zum Attentat sind auf ihre Art spektakulär. Der Zugang zu Munition ist für einen Zivilisten wie Elser auf legalem Weg unmöglich. Deshalb stiehlt er Sprengkapseln und -patronen aus dem Steinbruch. Die ersten Sprengversuche unternimmt er im Garten der Eltern. Sämtliche Kleinteile seiner «Höllenmaschine für Hitler» kauft er sich bei Handwerkern und in Geschäften zusammen. Parallel entwirft er die Konstruktion für den Todes-Apparat.
Ab Herbst 1939 pult er fast einen ganzen Monat den Platz für die Bombe aus einem Pfeiler im Bürgerbräu-Keller, wo er sich nachts hat einschließen lassen. Am 5. November ist das Werk vollbracht. Zwei Tage später kehrt Elser heimlich in den Kneipenkeller zurück, um die Technik zu überprüfen und zu aktivieren.
Dann das Drama: Die Bombe ist für den 8. November auf 21.20 Uhr eingestellt, aber Hitler verlässt den Keller nach seiner Rede bereits um 21.07 Uhr. Es sterben acht Menschen, 63 werden verletzt. Der bereits an der Grenze festgenommene Elser hält vier Tage durch - dann gesteht der Gefolterte die Tat. Wenige Tage vor Kriegsende, am 9. April 1945, wird er im KZ Dachau erschossen.
Kurz vor dem 70. Jahrestag des Attentats ist es für Hochhuth unverständlich, dass das Denkmal für Elser noch nicht steht - ein figürliches, fordert er. Seine inzwischen zwei Jahre alte Idee sei vom SPD-geführten Berliner verschleppt worden, kritisiert der Dramatiker. Dabei gebe es folgend dem Vorschlag der Gedenkstätte Deutscher Widerstand bereits einen passenden Standort. Deren Leiter Johannes Tuchel schlug den Platz über dem ehemaligen Bunker Hitlers an der Gertrud-Kolmar-Straße vor.
Der Sprecher der Kulturverwaltung, Torsten Wöhlert, mag das nicht so stehen lassen. Noch im November erfolge der Aufruf für einen offenen, zweiphasigen Ideenwettbewerb. Einer der Preisrichter solle übrigens Hochhuth sein. «Der Platz über dem Führerbunker ist eine smarte Idee und hat einen gewissen Charme», sagt Wöhlert und betont, dass im Doppelhaushalt 2010/2011 bereits Geld für das Denkmal eingestellt ist. Zugleich werde der Senat mit einem Siegerentwurf auch auf die Reemtsma-Stiftung zugehen.
(ddp)




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