Rostock/Lübeck (ddp-nrd). Jana Bauer und Berit Engler-Schmoelder verbinden mit dem 9. November 2009 eine ganz eigene Geschichte. Während Deutschland an diesem Datum den 20. Jahrestag des Mauerfalls begeht, freuen sich die jungen Frauen über das 20-jährige Bestehen ihrer Freundschaft. Ihre Familien zählen zu den vielen Menschen in der DDR und der Bundesrepublik, die im November 1989 gemeinsam das Ende der jahrzehntelangen Trennung feiern. Aus einer Zufallsbekanntschaft entwickelt sich eine innige Ost-West-Freundschaft, die bis heute hält. Das brachte ihnen etwas, womit sich viele immer noch schwer tun: gelebte Wiedervereinigung ohne gegenseitige Vorurteile. Diesen Artikel weiter lesen
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«Wir treffen uns mehrmals pro Jahr und besuchen uns zu Feiern wie Geburtstagen und natürlich unseren Hochzeiten», sagt Jana, die 1989 noch Frenkel hieß und mit ihren Eltern und ihrem Bruder Tobias in Wismar lebte. Heute wohnt sie mit ihrem Mann Reinhard und ihrem vierjährigen Sohn Ben in Rostock. Um sie zu besuchen, fahren Berit und ihr Mann Georg nur noch eine gute Stunde von Zarpen bei Lübeck. So können sich die Familien auch mal für einen Kaffee treffen, wie an diesem Sonntag. Während Georg vergnügt mit Ben spielt, schwelgen die Frauen in Erinnerungen. «Bevor die A 20 gebaut wurde, haben wir mehr als 2 Stunden gebraucht», sagt die heute 32-Jährige Berit. «Ich habe im Westen Freunde, die ich fast seit frühester Kindheit kenne, aber mit Jana verbindet mich eine ganz besondere Freundschaft.»
Als die Frenkels in den Tagen der Wende zum ersten Mal nach Lübeck kommen, ist Jana vor allem fasziniert vom bunten Westen. «Ich weiß noch, wie mich die blauen Leuchtschilder der Aral-Tankstellen beeindruckt haben.» Auch an die Freundlichkeit der Menschen erinnert sich Jana: «Hinter unseren Scheibenwischer wurde eine Rose geklemmt.» Für die Reise hatte die damals 14-Jährige ihr schickstes Outfit angezogen: Eine Moonwashed-Jeans-Kombination. «Im Osten war das damals total hip.» Im Westen gilt der Look allerdings als Erkennungsmerkmal für DDR-Bürger: «Ich war ganz schockiert, als ich darauf angesprochen wurde und habe mir für mein Begrüßungsgeld eine neue Jeans gekauft.»
Auf dem überfüllten Lübecker Marktplatz herrscht dann so eine euphorische Atmosphäre, dass die Frenkels entscheiden, über Nacht zu bleiben. Die «Lübecker Nachrichten» hatten eine Bettenbörse für Besucher aus dem Osten eingerichtet und die Frenkels suchen sich die Englers als Gastgeber aus, weil sie auch zwei Kinder haben. Auf der Fahrt nach Zarpen kommt es dann im Auto zu einem ersten Ost-West-Missverständnis: Die zehnjährige May-Britt Engler fragt ihre Mutter für alle hörbar: «Mami, sind das Russen?»
Zuhause bei Englers angekommen, werden die Frenkels gleich in die Feierrunde zu Mutter Ankes Geburtstag integriert. Während die Eltern feiern, kommen sich auch die Kinder näher. «Ich war total aufgeregt, weil ich gar nicht wusste, was das für Menschen sind und wie sie in der DDR gelebt haben», erinnert sich die damals zwölfjährige Berit. «Wir Kinder haben uns zuerst gegenseitig begutachtet, aber dann haben wir uns gleich verstanden wie ganz normale Teenager.»
Ein wenig mulmig ist es Berit allerdings dann doch beim ersten Gegenbesuch in Wismar wenige Tage später zumute. «Ich hatte große Berührungsangst. Ich hatte im Kopf, dass die Leute in der DDR von einer Mauer eingesperrt waren, 20 Jahre auf ihr Auto warten mussten und seit 40 Jahren keine Bananen mehr gesehen haben.» Zu trinken gibt es Club Cola, aber Berit traut sich nicht, sie zu trinken. «Nach kurzer Zeit habe ich dann gemerkt, dass es dort eigentlich doch fast wie bei uns war und habe mich für meine Vorurteile geschämt.»
Durch die wachsende Freundschaft bekommen beide Familien hautnah mit, wie sich das Verhältnis zwischen Ost und West über die Jahre verändert. «Viele Menschen im Westen interessiert das gar nicht, weil sie keinen Bezug zum Osten haben», glaubt Berit. «Unsere Familien haben sich gleich so akzeptiert, wie sie sind, während bei vielen die Euphorie in Neid und gegenseitige Vorwürfe gekippt ist.» Für Jana liegt das auch daran, dass die Heimatstädte durch den Fall der Mauer wieder enger zusammengerückt sind: «Ich glaube, durch die Nähe von Wismar und Lübeck ist auch die Mauer in den Köpfen viel schneller gefallen.» Zum Jahrestag des Kennenlernens wollen sich die Familien wie vor 20 Jahren zur Geburtstagsfeier von Anke Engler in Zarpen treffen.
(ddp)




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