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Von der Pastorenkanzel in die Staatskanzlei

Erfurt (ddp-lth). Die Union und Christine Lieberknecht - beinahe wäre die Beziehung gescheiert: Die evangelische Theologin wollte die Partei einst verlassen. Schon zu ihrer Studienzeit, 1981, war sie Mitglied der Ost-CDU geworden. Die aber lag als Block-Partei selbst gegen Ende der DDR so unverändert stramm auf Kurs, dass die Pastorin im Spätsommer 1989 austreten wollte. Diesen Artikel weiter lesen

Doch die Thüringerin gab der CDU noch eine Chance: Mit drei weiteren Kritikern verfasste sie ein vielbeachtetes Reformpapier, den «Weimarer Brief». Darin wurde die Parteiführung aufgefordert, das Bündnis mit der SED aufzukündigen.

Zwanzig Jahre später steht Lieberknecht auf dem Sprung an die Spitze der Thüringer Landesregierung und der CDU: Am Sonntag will die Partei die 51-Jährige zur Vorsitzenden wählen. Und am Freitag darauf soll der Landtag sie zur Ministerpräsidentin der neuen schwarz-roten Regierung bestimmen. Damit wäre sie die erste CDU-Politikerin an der Spitze eines Bundeslandes.

In beiden Ämtern tritt Lieberknecht das Erbe von Dieter Althaus an. Mit ihm stehe sie derzeit noch «ständig in Kontakt, um ihn zu informieren und seinen Rat einzuholen», sagt sie. Nach dessen Rücktritt im September aber ging Lieberknecht auf Distanz zu ihm, als sie die «Ära Althaus» kurzerhand für beendet erklärte. Dies galt als ein wichtiger Schritt zum Bündnis mit der SPD, die nur mit einer erneuerten CDU koalieren wollte.

Einst stand Lieberknecht gar im Ruf einer «Königsmörderin». Im ersten Thüringer Kabinett nach der Wende war sie 1992 maßgeblich beteiligt am Sturz von Regierungschef Josef Duchac. Ihm wurden Stasi-Verstrickungen vorgeworfen, woraufhin die damalige Kultusministerin aus Protest ihr Amt niederlegte und so Duchacs Rücktritt auslöste.

Damit machte die CDU-Frau schon frühzeitig klar, dass sie durchaus rigoros sein kann. Im Unterschied zu Althaus pflegt sie aber eine offene und kommunikative Art, die Konsenssuche gilt als eine ihrer Stärken. Nicht zuletzt deshalb wird sie von SPD-Landeschef Christoph Matschie geschätzt, der ebenfalls Theologe ist. «Die Chemie stimmt», sagte Lieberknecht über ihr Verhältnis zu dem SPD-Politiker.

1991 wurde der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl auf das Polit-Talent Lieberknecht aufmerksam und holte sie neben Angela Merkel als Vertreterin der Ost-CDU in den Führungskreis der CDU. In den bisherigen Landesregierungen des Freistaates hatte sie bereits verschiedene Führungspositionen inne, zuletzt den der Sozialministerin. Die gebürtige Weimarerin war schon Landtagspräsidentin sowie Chefin der CDU-Fraktion im Erfurter Parlament.

Das Amt der Ministerpräsidentin habe sie nie angestrebt, sagt Lieberknecht. «Inzwischen» freue sie sich auf die neue Aufgabe. An erster Stelle steht für sie die Politik aber nicht. Denn auf die Frage, was für sie bisher der größte Erfolg ihrer Karriere gewesen sei, antwortete die verheiratete Mutter zweier Kinder und auch schon mehrfache Oma: «Eine glückliche Familie zu haben, das ist für mich das Wichtigste überhaupt.»

(ddp)

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