Rostock (ddp-nrd). Im Keller der Rostocker Christusgemeinde liegen ein paar Orgelpfeifen, einige Dachziegel und Reste von Mauersteinen. «Das ist eigentlich schon alles, was von der Rostocker Christuskirche übrig geblieben ist», sagt Ulrike Jahnel und sortiert die wenigen Erinnerungsstücke auf den Schränken. Vor knapp 40 Jahren wurde das Gotteshaus in einem Akt von DDR-Willkür gesprengt, vor den Augen derer, die die stark zerstörte Kirche nach dem Zweiten Weltkrieg mit eigenen Händen wieder aufgebaut hatten. «Manche haben das nicht ertragen. Ich war bei der Sprengung dabei, aber meine Kinder, die in der Kirche alle getauft wurden, die hatte ich nicht mit», sagt die 68-Jährige. Diesen Artikel weiter lesen
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Für eine Ausstellung, die an die Einweihung der Christuskirche vor exakt 100 Jahren erinnert, hat sie alte Dokumente, Fotos und Zeitungsausschnitte durchforstet. Und in ihrem Gedächtnis gekramt. Sie selbst sei erst in den 50er Jahren nach Rostock gezogen, habe in der Christuskirche geheiratet und ihre Kinder getauft. «Wir hatten ein tolles Gemeindeleben. Jeden Tag waren mindestens 1000 Leute in der Kirche, ebenfalls rund 1000 Kinder kamen regelmäßig zum Religionsunterricht. Den DDR-Oberen war solch ein Zulauf schon ein Dorn im Auge», erinnert sich Jahnel, die seit der Wende für die CDU in der Rostocker Bürgerschaft sitzt. Schließlich sei verlautbart worden, die Kirche stehe einer neuen Straße im Weg.
Am 6. Juni 1971 gab es einen letzten Gottesdienst in der Christuskirche, zwei Monate später wurde sie gesprengt. «Wir durften nur ganz bestimmtes Inventar mitnehmen», erinnert sich Jahnel. Zur Sprengung sei der ganze Platz weiträumig abgeriegelt worden. Es bedurfte mehrerer Sprengstoffzündungen, um das gewaltige Mauerwerk zum Einsturz zu bringen. Manche Zuschauer hatten Tränen in den Augen. Für Jahnel war es ein weiteres Zeichen unvorstellbarer Willkür der DDR-Obrigkeit. «Wir hatten schon viel erlebt, das passte einfach rein», sagt sie.
Praktisch über Nacht wurde die Fläche von Schutt beräumt und mit Rasen bepflanzt. «Vieles hat der Staat selbst verscherbelt, Material, Holz, Steine. Auch die bemalten Glasfenster sind wieder aufgetaucht, natürlich nicht bei uns in der Kirche», sagt Jahnel, die heute das Gemeindearchiv betreut. «Ein Gemeindemitglied ist damals mit dem Fahrrad den Schuttlastern hinterhergefahren. Den Abfall von der Sprengung haben sie einfach in die Warnow gekippt, direkt neben dem Traditionsschiff.» Offiziell sollte der Schutt der Kirche für den Wegebau im ländlichen Bereich um Rostock eingesetzt werden. Dass sie selbst Erinnerungsstücke aus den Ruinen mitnehmen, sei ihnen verboten worden. «Auch Fotos durften von der Sprengung nicht gemacht werden.» Natürlich gebe es dennoch eine ganze Reihe.
Die Christuskirche, größte katholische Pfarrkirche Mecklenburgs, musste offiziell der Städteplanung für eine sozialistische Großstadt weichen. Eine Nord-Süd-Achse sollte die Südstadt über eine Warnowbrücke mit der Autobahn Berlin-Rostock verbinden. Geplant war sogar ein segelförmiges «Haus der Wissenschaften» mit einer Höhe von über 100 Metern ähnlich dem «Weisheitszahn» der Leipziger Universität. «Das ganze Vorhaben sollte rund 2,3 Milliarden Mark kosten. Das war eine utopische Summe, das wusste doch jeder.»
Die Kirchgemeinde erhielt 1,5 Millionen Ost-Mark als Entschädigung. Parallel durften sie ein neues Grundstück kaufen und sich ein neues Kirchgebäude bauen. «Das kostete aber vier Millionen Mark.» Gegen Kupferlieferungen aus dem Westen zahlte die DDR statt Valuta zwei Millionen Mark an die Kirche. Zusätzliche 750 000 Mark kamen durch Spendenaktionen zusammen. Entstanden ist ein Zweckbau der 70er Jahre, mit dem sich viele Gemeindemitglieder nicht wirklich anfreunden konnten, wie Jahnel sagt. «Die Älteren trauern der Kirche hinterher, die Jüngeren kennen es ja nicht anders. Die Kirche noch einmal aufzubauen, das wäre wirklich Unsinn.»
Umso wichtiger findet Jahnel das Mahnmal, das - pünktlich zum 100. Jahrestag der Kirchenweihe - endlich in Rostock seinen Platz gefunden hat. Die begehbare kreisrunde Granitscheibe mit einem Durchmesser von knapp fünf Metern und eine Infotafel wurden am Donnerstag enthüllt. Das Monument soll auf die Leerstelle hinweisen, die durch die Zerstörung der Kirche der Christusgemeinde entstand. Die Kosten von rund 50 000 Euro kamen durch Spenden zusammen.
(ddp/Bild: Repro Danny Gohlke)




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