Rostock/Berlin (ddp). 20 Jahre nach den ersten großen Protestdemonstrationen im Norden der DDR spricht Joachim Gauck erneut in Rostock und Schwerin zu Tausenden Menschen. Gemeinsam erinnern sie an die Anfänge der Wende, die der damals als Pastor in Rostock tätige Gauck mit angeschoben und begleitet hat. Das seien freudige Erinnerungen, wenngleich im Rückblick auch Enttäuschung mitschwinge. Diesen Artikel weiter lesen
Er empfinde immer noch eine Spaltung in Deutschland, sagt der 69-Jährige. Allerdings verlaufe der Riss nicht so sehr zwischen Ost und West, sondern mitten durch die Gesellschaft im Osten: «Die größten Unterschiede liegen zwischen denen, die die offene Gesellschaft als Chance ansehen und denen, die immer noch abwarten und der Freiheit misstrauen», sagt Gauck.
Als Leitfigur der Bürgerrechtler kann er sich gut an die Ereignisse im Herbst 1989 erinnern. Zehn Tage nach der ersten großen Montagsdemonstration in Leipzig begann am 19. Oktober 1989 auch in Rostock der offene Protest gegen das SED-Regime. Startsignal war Gaucks Predigt in der Marienkirche. «Wir waren zwar etwas später dran als die Sachsen, dafür waren wir umso entschlossener und auch erfolgreich», erinnert sich Gauck. Vor dem 19. Oktober hatten sich die Oppositionellen schon jeweils donnerstags zu politischen Gottesdiensten getroffen. «Nach der Leipziger Demonstration herrschte auch bei uns äußerste Hochspannung», sagt Gauck.
Am folgenden Donnerstag, dem 12. Oktober, war die Angst vor einer gewaltsamen Reaktion des Regimes noch zu groß, um auch in Rostock auf die Straße zu gehen. «Aber wir hatten schon das Gefühl, wir lassen uns nicht alles bieten. Die folgende Woche wurde genutzt, um uns zu sammeln, Kraft zu tanken und diese Kraft wurde dann am 19. auf die Straße gebracht.»
Mehrere Tausend Demonstranten zogen nach der Andacht durch Rostock. «Es war faszinierend, wie die Menschen sich innerhalb weniger Tage verwandelt hatten, sie wirkten wie neugeboren», sagt Gauck. «Die Menschen erkannten: Wenn wir das Volk sind, dann bin ich ein Bürger.» In den kommenden Wochen bekamen die Demonstrationen immer mehr Zulauf, am 9. November waren rund 50 000 Menschen dabei. «Am Ende der Demonstration am 9. November sprach mich ein Volkspolizist an und sagte, die Mauer sei auf. Das habe ich ihm zunächst nicht geglaubt. Aber als ich es dann zu Hause im Fernsehen gesehen habe, hatte ich ein überwältigendes Gefühl: Eben hatte ich noch demonstriert und jetzt sah ich, dass der Protest der Menschen Wirkung zeigt», begeistert sich Gauck noch heute.
Mit dem Mauerfall war aber die Bewegung auch in Rostock noch nicht am Ziel. «Die größte revolutionäre Tat war die Besetzung der Stasi-Zentralen, und da war Rostock eine der ersten Städte», weiß Gauck, der später zum obersten Hüter der Stasi-Akten wurde. Der SED-Bürgermeister wurde zum Rücktritt gezwungen.
«Viele Menschen engagierten sich in Arbeitsgruppen zu verschiedenen gesellschaftlichen Themen», sagt Gauck. «Da begann aber auch die Spaltung: Für die einen hieß Freiheit auch Verantwortung übernehmen, während für andere galt: Befreiung ja - Freiheit gestalten nein.» Seine Erinnerungen an die Wendezeit hat Gauck in einem Buch niedergeschrieben. Es heißt «Winter im Sommer - Frühling im Herbst» und ist im Siedler Verlag erschienen.
(ddp)




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