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Fiktive Dokumentationen

Berlin (ddp). Der Anfang hatte etwas von Bildungsfernsehen. Barbara Salesch, zuvor Richterin am Landgericht Hamburg, leitete in Köln Schiedsgerichtsverhandlungen, die bei Sat.1 ausgestrahlt wurden. Mit echten Menschen und wirklichen Fällen. Ähnlich hatte es das ZDF kurz darauf mit «Streit um drei» versucht, doch beide trafen damit beim Zuschauer auf wenig Gegenliebe. Da vor dem Schiedsgericht eher zähe und unspektakuläre Streitigkeiten landen, änderte Sat.1 alsbald sein Konzept: Aus dem Reality-TV in Reinkultur wurde eine sogenannte Pseudo-Doku, Nachbarschaftsfehden wurden durch Morde, Körperverletzungen und Vergewaltigungen ersetzt. Diesen Artikel weiter lesen

Das TV-Format ist auch unter dem Begriff Scripted Reality bekannt, bei dem Konflikte und Dialoge durch ein Drehbuch (Script) vorgegeben und meist von Laiendarstellern gespielt werden. Bei «Richterin Barbara Salesch» zogen die Zuschauerzahlen nach der Umstellung auf Fiktion enorm an. Fernsehen sei ein Unterhaltungsformat, sagt Salesch heute, ihre Sendung «ist ja wie ein Krimi». Das ZDF-Pendant strich 2003 die Segel. Salesch hat vor einigen Tagen ihr zehnjähriges Bestehen gefeiert.

Sat.1 legte 2001 mit «Richter Alexander Hold» nach, der in diesen Tagen ebenfalls ein Jubiläum beging und seinen 1500. TV-Fall verhandelte. Beide Sendungen bilden mit ihrer langen Laufzeit eine Ausnahme. Zur Hoch-Zeit der Gerichtsshows gab es auch bei RTL ab 2002 «Das Jugendgericht», «Das Familiengericht» und «Das Strafgericht». Das Format löste mit der Zeit die Nachmittagstalkshows um «Hans Meiser» ab, doch die RTL-Shows strichen irgendwann die Segel.

Übrig blieben Salesch und Hold. «Wenn man etwas erfolgreich macht, dann gibt es meist Kopien, irgendwann sind es zu viele», sagt Salesch, deren Sendung mit den erfundenen Geschichten aus dem Gerichtssaal zum Vorreiter der Scripted Realities im deutschen Fernsehen wurde.

Das Konzept der Laien-Doku-Dramen hat noch nicht ausgedient - im Gegenteil. RTL setzt im Nachmittagsprogramm aktuell mit den neuen Sendungen «Verdachtsfälle» und «Familien im Brennpunkt» weiter auf geschriebene Doku-Stoffe, ProSieben füllt am Nachmittag drei Stunden mit ähnlichen Formaten. Beim Münchner Sender legt man jedoch Wert darauf, dass etwa in «Reality Affairs» - Anfang Oktober gestartet und bislang unter Senderschnitt - «das wahre Leben der Familien gefilmt» werde und es bei den gezeigten Geschichten keine vorgeschriebenen Texte gebe.

«Aus medienpädagogischer Perspektive liefern die Sendungen ein verzerrtes Weltbild, das dramatisiert, überspitzt und auf größtmöglichen Unterhaltungswert abzielt, dabei aber vorgibt, Realität abzubilden», sagt Michael Gurt vom Institut für Medienpädagogik in München. Trotz der gespielten Darstellung werde das Bild vermittelt, dass es völlig normal sei, die Privatsphäre vor der Öffentlichkeit auszubreiten.

Für die Sender haben die Formate einen entscheidenden Vorteil: Sie sind billig zu produzieren. Das wirkt sich auch auf die Dreharbeiten aus: «Wir drehen montags vier und dienstags drei Fälle, das muss zackzack flutschen, wir nehmen mit sechs Kameras auf, da wird nicht geprobt und nicht viel geschnitten», sagt Richterin Salesch. Den Laienspielgruppen in ihrem «Gerichtssaal» gewinnt sie dabei Positives ab: «Unsere Darsteller bringen ein großes Maß an Authentizität mit.» Ein guter Laiendarsteller sei ihr lieber als ein schlechter Schauspieler.

Auch für «We are Family», «U20 - Deutschland, deine Teenies», (ProSieben), «Mitten im Leben» (RTL), «Zwei bei Kallwass» und «Niedrig & Kuhnt» (Sat.1) werden Teilnehmer benötigt. Die für viele Formate verantwortliche Produktionsfirma Filmpool hat rund 100 000 Laiendarsteller in ihrer Datenbank, etwa 1000 werden jeden Monat eingesetzt.

Filmpool-Sprecher Felix Wesseler sieht einen weiteren Vorteil der Scripted Realities: Dort «können wir andere Geschichten erzählen, als es in der klassischen Doku-Soap möglich wäre, etwa die Thematik Drogenmissbrauch in der Schule behandeln, ohne in die Gefahr zu geraten, unsere Protagonisten vorzuführen». Bei Kriminalität stoße die klassische Doku-Soap an ihre Grenzen. Entsprechend werden die geschriebenen Geschichten zugespitzt.

Eine Dramatisierung erkennt Salesch hingegen nicht: «Bei mir ist es überhaupt nicht zu laut. Ich habe echte Verfahren erlebt mit fliegenden Tischen, mit Selbstmordversuchen, Angriffen auf Zeugen. Im Strafrecht liegen die Emotionen blank.»

Trotz der durchschnittlich 2,33 Millionen Zuschauer täglich weiß die 60-Jährige nicht, wie lange sie noch verhandeln will: «Die Zuschauer werden irgendwann sagen, dass es reicht.» Ein Schicksal, das andere Scripted-Reality-Formate ihres Heimsenders Sat.1 bereits ereilt hat: «Lenßen & Partner» und «K 11 - Kommissare im Einsatz» rutschten unter Senderschnitt und werden im November und Dezember eingestellt.

(ddp)

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