Berlin (ddp). In knapp zwanzig Minuten wird am 18. Oktober 1989 das Ende der achtzehnjährigen Ära Honecker vollzogen: Auf einer überstürzt einberufenen Tagung des Zentralkomitees der SED stimmen fast alle 206 anwesenden Mitglieder und Kandidaten des Führungsgremiums der Partei für die Absetzung ihres Chefs von allen seinen Funktionen. Diesen Artikel weiter lesen
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Erich Honecker, bis zu diesem Tage Generalsekretär der Partei, Staatsoberhaupt der DDR und Vorsitzender des Nationalen Verteidigungsrates, verlässt entmachtet den Saal. Zuvor hatte er eine vorbereitete Rücktrittserklärung verlesen und gemeint: «Die Gründung und die erfolgreiche Entwicklung der sozialistischen Deutschen Demokratischen Republik, deren Bilanz wir am 40. Jahrestag gemeinsam gezogen haben, betrachte ich als die Krönung des Kampfes unserer Partei und meines eigenen Wirkens als Kommunist.»
Letztmalig übte sich Honecker öffentlich im Schönreden der Situation. Denn von einer «erfolgreichen Entwicklung» der DDR konnte schon längst nicht mehr die Rede sein. Erst zwei Tage zuvor hatten in Leipzig mehr als 120 000 Menschen im Rahmen der Montagsdemonstrationen gegen das katastrophale Versagen der Staats- und Parteiführung demonstriert. In Ost-Berlin riefen Demonstranten am 7. Oktober, während der Feierlichkeiten zum 40. Jahrestag der DDR, zu einer Demokratisierung der Gesellschaft auf. Neben zahlreichen anderen Demonstrationen in vielen Orten des Landes erschütterte eine Fluchtwelle von jungen Menschen über Ungarn und über bundesdeutsche Botschaften in Prag und Warschau die Republik. Selbstbewusste Bürgerrechtsbewegungen machten von sich reden, darunter das zum Symbol der gesamten Opposition anwachsende Neue Forum. In Schwante bei Berlin wurde die Sozialdemokratische Partei der DDR ins Leben gerufen.
Angesichts dieser brisanten Situation dämmerte Honeckers Mitstreitern im Politbüro, dem inneren Machtzirkel der Partei: Sie mussten handeln und sich den weltfremden Honecker vom Halse schaffen, um nicht den letzten Einfluss auf den Gang der Dinge einzubüßen. Auf einer konspirativ vorbereiteten Politbürositzung am 17. Oktober 1989 wurde er aufgefordert, am nächsten Tage öffentlich vor dem Zentralkomitee seinen Rücktritt bekanntzugeben. Sie zwangen den Widerstrebenden auch, einen ihm vorgelegten Geheimbefehl des Nationalen Verteidigungsrates zu unterschreiben, in dem es hieß: «Der Einsatz der Schusswaffe im Zusammenhang mit möglichen Demonstrationen ist grundsätzlich verboten.»
Als Nachfolger Honeckers wurde Egon Krenz etabliert, der zwar eine politische Wende versprach, doch über keinerlei Mittel mehr verfügte, den alten Machtanspruch der SED aufrecht zu erhalten, geschweige denn die DDR aus der Katastrophe zu führen. Noch gratulierte ihm Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) am 26. Oktober 1989 in einem längeren Telefongespräch zu dem «neuen und wichtigen Amt» des Staatsratsvorsitzenden und hoffte «auf gute und konstruktive Gesprächskontakte». Beide Seiten, so wurde im Kanzleramt protokolliert, hätten «ihr Interesse an einer Fortentwicklung der innerdeutschen Beziehungen und der Fortführung der praktischen Zusammenarbeit unterstrichen».
Doch nicht nur die Zeit Honeckers, sondern auch die seiner alten Mitstreiter lief bereits ab. Auf den Straßen skandierten die Demonstranten: «Wir sind keine Fans von Egon Krenz.» Anfang Dezember 1989 - die Mauer war längst gefallen - musste auch er zurücktreten - mit der gesamten Riege des Politbüros und des Zentralkomitees der SED.
(ddp)




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