München (ddp-bay). Der Medienrummel um Knut und Flocke hat nach Ansicht der Zoodirektoren von München und Nürnberg einen langfristigen Imageschaden bei den Tiergärten angerichtet. So kritisierte der scheidende Münchner Zoo-Chef Henning Wiesner im ddp-Interview am Dienstag: «Knut und Flocke haben der ´Idee Zoo´ mehr geschadet als genützt.« Er fügte hinzu: «Jetzt sehen wir uns Vorwürfen ausgesetzt, wir würden Jungtiere nur deshalb züchten, um möglichst viele Besucher anzulocken und Geld zu verdienen.» Die zentrale Aufgabe der Zoos, durch Nachzüchtungen zum weltweiten Artenschutz beizutragen, werde damit konterkariert. Diesen Artikel weiter lesen
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Der Nürnberger Zoo-Chef Dag Encke stimmte den Aussagen Wiesners weitgehend zu. »Ich kann die Kritik durchaus nachempfinden«, sagte er auf ddp-Anfrage. Die Vorwürfe nach Geldgier stünden tatsächlich im Raum. Er sei jedoch »genauso schockiert« darüber gewesen, was aus den beiden Eisbären in der Öffentlichkeit gemacht worden sei.
Der Nürnberger Tiergarten habe sich stets bemüht, die Prominenz von Flocke zu nützen, um die Klimaproblematik zu kommunizieren. »Doch interessiert hat im Wesentlichen nur das individuelle Tun des Eisbären", stellte Encke fest. Die Geschichte um Flocke habe eine Eigendynamik entwickelt, der man nicht habe entgegensteuern können. Er habe feststellen müssen, dass es schwierig sei, komplexe Themen wie Klimawandel mit prominenten Vertretern aus dem Zoo in Verbindung zu bringen. Einzig bei Menschenaffen wie Gorillas und Orang Utans würde das bislang gelingen.
Laut Wiesner werden Tierparks in aller Welt durch den rasanten Niedergang vieler Tierarten immer mehr zur modernen Arche Noah. «Die Situation der letzten echten Naturgebiete auf dieser Erde ist dramatisch.« Viele Tiere seien akut vom Aussterben bedroht. »Wir sind einfach viel zu viele Menschen. Da bleibt für die armen Viecher kein Platz mehr auf diesem Planeten«, betonte der Tierparkchef.
Eine Möglichkeit, dem Artensterben zu begegnen, sieht Wiesner darin, gefährdete Spezies in Zoos solange zu »konservieren«, bis sie zu einem geeigneten Zeitpunkt wieder in freier Wildbahn angesiedelt werden können. Als Beispiel für gelungene Wiederansiedelungsprojekte nannte Wiesner den Alpensteinbock, der Ende des 19. Jahrhunderts in freier Wildbahn ausgestorben war. Heute leben laut Wiesner entlang des Alpenhauptkamms wieder 22 000 Tiere. «Gute Erfolge» gebe es auch mit der Mhorrgazelle und der Ibisart Waldrapp in Marokko sowie dem Przewalski-Urwildpferd.
Das Verhältnis den modernen Menschen zum Tier bezeichnete Wiesner als «schwer gestört». Das Wissen selbst um die heimischen Tierarten gehe mehr und mehr verloren. «Wir haben eine riesige Entfremdung von der Natur. Und die Bildungspolitik der vergangenen Jahre hat das Problem noch verschärft. Es ist ein Unding, dass der Biologieunterricht an den Schulen massiv zusammengestrichen wurde.»
Henning Wiesner ist seit 1981 Zoologischer Direktor des Münchner Tierparks Hellabrunn und gehört zu den renommiertesten Wildtierexperten weltweit. Einer breiteren Öffentlichkeit bekannt wurde der studierte Tierarzt durch die von ihm perfektionierte Technik, Tiere mit dem Blasrohr statt mit dem Gewehr schonend zu betäuben.
(ddp)




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