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Workshop gegen das Wegschauen

Offenbach/Main (AP) Am helllichten Tag wird in der Frankfurter Innenstadt eine alte Frau überfallen. Niemand hilft. Der Täter kann entkommen, die Frau bleibt verletzt am Boden liegen. Der Vorfall ist schon ein paar Jahre her, doch Ähnliches passiert immer wieder. Die Öffentlichkeit ist alarmiert. Nicht nur wegen der Gewalt, sondern auch wegen der «Unkultur des Wegschauens». Eine heftige Debatte über Zivilcourage hat der Tod von Dominik Brunner auf dem S-Bahnhof in München-Solln ausgelöst. Zwei junge Männer hatten den 50-Jährigen, der Mädchen vor ihnen schützen wollte, mit mehr als 20 Faustschlägen und Fußtritten vor den Augen von Fahrgästen umgebracht. Diesen Artikel weiter lesen

Anti-Gewalt-Seminare sollen die Zivilcourage fördern. Wo fängt Gewalt an? Wann sollte man eingreifen? Daniel Krüger und Rupert Steegmüller zeigen den Teilnehmern des von der Stadt Offenbach angebotenen Workshops «Gewalt-Sehen-Helfen» am Freitag und Samstag in Offenbach einen kurzen Filmausschnitt: Eine junge Frau wird im Bus von einem Mann belästigt. Was kann die Frau tun? Was sollten andere Fahrgäste tun? Die Gruppe diskutiert. Nicht alle sind einer Meinung. «Man sollte ihr sofort helfen», sagt einer. Zu Gewalt ist es bislang allerdings nicht gekommen. «Es wäre besser, erst einmal abzuwarten», meint daher ein anderer. Durch frühzeitiges Eingreifen könne der Mann sich provoziert fühlen.

Einer der Seminar-Teilnehmer ist Walter Weber. Der 50-Jährige hat in den Medien die Fälle verfolgt, in denen Menschen mit Zivilcourage selbst zum Opfer brutaler Gewalt wurden. Insbesondere der Tod eines mutigen Helfers in München hat ihn schockiert. Seitdem fühlt er sich unwohl, denn eines ist ihm klar: Es kann jeden treffen.

Der 65-jährige Anton Rajcevic ist in der Frankfurter U-Bahn schon mehrfach Zeuge von Gewalt-Szenen geworden. «Meine Erfahrung hat gezeigt, dass fast nie jemand hilft, sondern alle einfach weglaufen.» In einem Fall wollte er dazwischengehen. Prompt bekam er selbst eine Ohrfeige, die Brille war kaputt.

Gewaltsituation frühzeitig erkennen

Die landesweite Kampagne «Gewalt-Sehen-Helfen» will Bürgern Mut machen. «Wir geben Tipps, wie man Gewaltsituationen frühzeitig erkennen und vermeiden kann», sagt der Volkshochschullehrer Steegmüller. Dabei gehe es nicht um Selbstverteidigung, sondern um Maßnahmen zur Deeskalation.

«Man sollte sich immer an das Opfer wenden, nicht an den Täter. Sonst wird man leicht als neuer Gegner wahrgenommen», sagt Krüger, der im Ordnungsamt der Stadt Offenbach im Bereich Kommunale Prävention arbeitet. Er rät ausdrücklich davon ab, als Schiedsrichter aufzutreten oder den Helden zu spielen. Sinnvoller sei es, eine «Solidarität zum Helfen» herzustellen durch Blickkontakte oder durch ein deutliches Hinweisen auf die Notsituation.

«Natürlich kann es auch gute Gründe geben, nicht direkt einzugreifen», räumt Steegmüller ein. Etwa, wenn man alleine einer größeren Gruppe randalierender Jugendlicher gegenüberstehe. «In solchen Fällen: Zunächst die Polizei rufen, dann in sicherer Nähe bleiben und das Geschehen beobachten.»

Eskalation vermeiden

Die 53-jährige Ellen Zimmermann hört aufmerksam zu. Sie wohnt in der Offenbacher Bahnhofsgegend und fühlt sich dort gerade bei Dunkelheit oft unsicher. Vor einiger Zeit ist ihr Sohn auf der Straße verprügelt worden. Zum Glück hat er keine ernsten Verletzungen davongetragen. Ihr Unbehagen ist seit dem Vorfall aber noch deutlich gestiegen.

In einem kurzen Rollenspiel stellen die beiden Seminarleiter eine typische Situation nach: Ein junger Mann rempelt einen anderen an. «Wenn ich mich davon provozieren lasse, kann die Sache schnell eskalieren», sagt Steegmüller. Besser sei es, einfach ganz ruhig weiterzugehen, raus aus dem «Magnetfeld» des Täters.

Doch nicht immer ist es so einfach. Richtig schwierig werde es, wenn jemand ganz gezielt auf Krawall aus ist. «Oft geht dann ja auch alles viel zu schnell, um den Überblick zu behalten», sagt Krüger. «Eine Patentlösung zur Vermeidung von Gewalt können wir daher auch nicht liefern.»

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