Berlin (AP) Psychische Auffälligkeiten von geistig Behinderten werden nach Ansicht von Experten zu selten hinterfragt. Oft würden sie voreilig und fälschlicherweise der geistigen Behinderung selbst zugeschrieben, kritisiert die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN) in Berlin. Es könne sich aber auch um Symptome einer behandlungsbedürftigen psychischen Störung wie einer Angsterkrankung, einer Depression oder einer Zwangsstörung handeln. Diesen Artikel weiter lesen
«Oftmals sind Ängste sowie aggressives oder selbstverletzendes Verhalten Ausdruck einer psychischen Erkrankung. Je nach Art und Umfang der psychischen Störung und unter Berücksichtigung der Schwere der geistigen Behinderung muss dann unter Umständen eine psychotherapeutische oder eine medikamentöse Behandlung bei einem spezialisierten Therapeuten - durchgeführt werden. Das kann die Lebensqualität der Betroffenen deutlich erhöhen und zugleich die Chancen sozialer Teilhabe verbessern», erläutert Michael Seidel von der DGPPN.
Die emotionalen Bedürfnisse geistig Behinderter würden oft nicht genügend wahrgenommen, weswegen Emotionen in Form von Verhaltensaufälligkeiten, Selbstverletzung umso heftiger hervorbrechen könnten. «Sehr häufig liegen starken emotionalen Reaktionen und Verhaltensproblemen beispielsweise Überforderung oder Unterforderung oder die Missachtung grundlegender emotionaler Bedürfnisse oder konkrete Konflikte mit Personen im Umfeld, zugrunde. Diese Probleme können psychische Störungen auslösen oder verstärken. Sie müssen deshalb unbedingt analysiert und gelöst werden», sagt der Professor.
Persönlichkeit stärken
Menschen mit geistiger Behinderung benötigten gezielte und schrittweise Förderung ihrer Fähigkeiten. Sie sollten die Möglichkeit erhalten, im Rahmen ihres jeweils erreichten Entwicklungsniveaus konkrete Verantwortung zu übernehmen. «Die Erfahrung von Eigenverantwortung stärkt die Persönlichkeit und kann dazu beitragen, psychischen Störungen entgegenzuwirken», erklärt der Leitende Arzt in den von Bodelschwinghschen Anstalten Bethel in Bielefeld.
Etwa 0,5 bis 1,0 Prozent der Bevölkerung hat eine geistige Behinderung, die Mehrzahl eine leichte Form. Psychische Erkrankungen kommen bei Menschen mit geistiger Behinderung etwa drei bis vier Mal häufiger vor als in der Allgemeinbevölkerung. Das bedeutet den Angaben zufolge, dass jeder dritte bis vierte geistig Behinderte im Laufe seines Lebens an einer psychischen Erkrankung oder einer schweren Verhaltensstörung leidet.
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