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Literatur & Lesen - Vitrine Schmöker Das langsame Vergessen

Frankfurt/Main (AP) Fängt es so an? Dass man sich beim Joggen verirrt, Termine durcheinanderbringt, einem altvertraute Begriffe nicht mehr einfallen? Alice, die Heldin in Lisa Genovas Roman «Mein Leben ohne gestern», glaubt lange Zeit, es sei der Stress, der sie alltägliche Dinge vergessen lässt. Die Harvardprofessorin ist auf dem Höhepunkt ihres beruflichen Erfolges, als bei ihr Alzheimer diagnostiziert wird. Diesen Artikel weiter lesen

Zunächst glaubt die 50-Jährige an einen Irrtum. Sie verdrängt die Krankheit, sagt niemandem etwas davon, weder ihrem Mann noch einem ihrer drei Kinder. Sie versucht sich selbst und ihre Ärzte auszutricksen, trainiert ihr Kurzzeitgedächtnis, baut sich Eselsbrücken. Vergeblich! Es häufen sich die Augenblicke, in denen sie Aussetzer hat: Vor den Zutaten für den schon zigmal zubereiteten Pudding steht sie, ohne zu wissen, was sie damit machen soll. Die Ehefrau ihres Assistenten begrüßt sie auf der Weihnachtsfeier gleich mehrmals, sie vergisst das Thema ihrer nächsten Vorlesung.

Ihr Ehemann, endlich informiert, will die Diagnose der Ärzte ebenfalls nicht glauben. Er informiert sich, kann sich nicht vorstellen, dass es keine erfolgversprechende Behandlung gibt. Es fällt ihm schwer zu akzeptieren, dass seine Frau unheilbar krank ist und die Demenz fortschreiten wird. Eine große Stütze ist er seiner Frau deshalb nicht, hilfreich sind da schon eher die Kinder: Anna, Tom und Lydia.

Alice schließlich findet sich irgendwann ab mit der Diagnose, bereitet sich vor auf das Leben ohne Erinnerung. Über das Internet findet sie Kontakt zu anderen Alzheimer-Kranken; ihre Zuwendung und Unterstützung helfen ihr - solange sie es noch wahrnehmen kann. Denn ihr Zustand verschlechtert sich rapide.

Die Autorin Lisa Genova ist Neurowissenschaftlerin und hat überdies intensiv zum Thema Alzheimer recherchiert. Manchem Leser mögen die zum Teil langen medizinischen Passagen in dem Roman dröge erscheinen, doch sie sorgen für Authentizität - und sind auch sehr informativ. Das Buch ist beängstigend und hoffnungsvoll zugleich, nicht zuletzt, weil Genova eine Art Happy End findet: Ihre Erinnerungen mögen Alzheimer-Kranken verloren gehen, ihre Gefühle nicht. Ob diese Darstellung realistisch ist, vermag derzeit allerdings niemand mit Sicherheit sagen. (Susanne Gabriel)

(Lübbe, Oktober 2009, ISBN 978-3-7857-6016-1, 317 Seiten, 16,99 Euro)

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