Frankfurt/Main (AP) Eine apathische Mutter mit einem geschundenen Körper, ein frühreifer Neunjähriger, seine sechsjährige Schwester mit Hang zu Vulgarismen: Was da eines Abends vor den Toren eines Schlosses im dunklen Nirgendwo steht, kann man kaum Familie nennen. Es sind vielmehr die Überreste einer fatalen Mesalliance, die Olivia einst mit einem Mann einging, dem sie nach Australien folgte. Nun steht sie vor ihrer Mutter Tür und bittet um Einlass und das geschieht ebenso mysteriös wie alles andere in Julia Leighs Roman. Diesen Artikel weiter lesen
«Unruhe» ist das beklemmende Porträt einer Familie, die an der eigenen Sprachlosigkeit erstickt und in der das Grauen alltäglich ist. Olivias Mutter, die Rollstuhl fahrende Grande Dame des Schlosses, zeigt sich kaum erstaunt über die Rückkehr der verlorenen Tochter. Olivias zehn Jahre währendes Schweigen und ihren offensichtlich desolaten Zustand ein Arm ist eingegipst und sie wirkt traumatisiert nimmt die Mutter ebenso ungerührt hin wie ihre beiden Enkelkinder.
Dass Olivias Tochter bei Tisch bemerkt, sie könne die Vulva des Bruders riechen, und die Milch schmecke wie «der Arsch» der Mutter, verhallt ebenso kommentarlos im Raum wie die spitzen Schreie der Sechsjährigen. Olivias Bruder komplettiert das Bild einer im wahrsten Sinne des Wortes «grauenhaften» Familie: Er erscheint mit seiner gerade niedergekommenen Frau Sophie, die ein lebloses Bündel in Armen trägt. Es ist die Leiche der totgeborenen Tochter, um die Sophie im Bedürfnis nach tröstender Abschiednahme einen morbiden Totenkult veranstaltet.
Vieles erinnert an einen viktorianischen Gruselroman: Mehr als düster ist die Atmosphäre, kaum nachvollziehbar sind die Verhaltensweisen der Hauptfiguren, und alles was geschieht, verschwimmt hinter einem Schleier des Geheimnisvollen.
Kalt läuft es einem den Rücken hinunter, wenn man liest, wie Sophie das tote Kind, das schon deutlich nach Verwesung riecht, zur Verabschiedung reihum reicht, dämonisch wirkt das Verhalten der sechsjährigen Lucy, und das Unwissen über die Geschehnisse in Australien sorgt für gruseliges Prickeln.
Dennoch fehlt dem Buch der Australierin, die für ihren 1999 erschienen Roman «Der Jäger» mehrfach ausgezeichnet wurde, das gewisse Etwas, das eine schauerliche Story zu einer wirklichen Gänsehautgeschichte macht. Letzteres mag auch gar nicht Absicht der Autorin gewesen sein: «Unruhe» liest sich auch wie das Psychogramm einer kaputten Familie, abstrahiert und übertragen in die Metaphern des Grauens. (Anke Breitmaier)
(Liebeskind, August 2009, ISBN 978-3-935890-62-5, 128 Seiten, 14,90 Euro)
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