Frankfurt/Main (AP) Schon Sigmund Freud bekannte, Frauen seien ein dunkler Kontinent, und auch nach Jahrzehnten der Emanzipation bleibt das weibliche Geschlecht eine unerforschbare Spezies: Das will Roberta Ostertag, Hauptfigur und vorgebliche Erzählerin des Romans «Hundert Frauen» von Martina Zöllner, publikumswirksam offenbaren. Zu diesem Zweck hat sie unzählige Frauen interviewt und die Essenz der intimen Gespräche über Sex, Erotik und Liebe in einem Buch zusammengefasst. Dass dieses ihr eigenes Leben auf den Kopf und ihr Selbstverständnis als Angehörige des schwachen Geschlechts in Frage stellen wird, ahnt die Journalistin zunächst nicht. Diesen Artikel weiter lesen
Als Redakteurin der Zeitung «Saarbrücker Neuesten Nachrichten» ist Zöllners Protagonistin in der kleinen Großstadt Saarbrücken ein bekanntes Gesicht. Robertas Alltag besteht aus Ortsterminen und lästiger Redaktionsarbeit, ihr Buchprojekt ist Traumerfüllung und Selbstverwirklichung zugleich.
Roberta selbst ist ein moderner, weiblicher Prototyp: Mitte Vierzig, Akademikerin, kinderlos und beruflich erfolgreich genug, um mit der männlichen Konkurrenz mitzuhalten. Jetzt, wo sie sich dem Ende ihrer Gebärfähigkeit nähert, erkennt sie den Sinn ihrer schwindenden Fruchtbarkeit der fünfjährige Sohn der Kollegin muss als Leihkind sich auftuende Lücken schließen, das brachliegende Liebesleben wird durch schriftstellerischen Aktionismus kompensiert.
Als Robertas Buch erscheint, schlägt es mächtige Wellen in Saarbrücken, wo die Provinz so gerne Weltläufigkeit vorgaukelt. Denn böse Zungen lancieren geschickt das Gerücht, Roberta habe im Buch Auskünfte über ihr eigenes Liebesleben versteckt. Schnell wird ihr eine Affäre mit dem verheirateten Staatssekretär des Bildungsministeriums angedichtet, Roberta gerät in den Fokus einer Provinzposse um üble Nachrede, Rufschädigung und Ränkespiele.
Umtost wird diese Geschichte, die unversehens zu einer sich selbst erfüllenden Voraussage wird, von allerlei Mutmaßungen über die erotischen Phantasien von Frauen aller Couleur, den saarländischen Traumata wie Bergbau-Stopp und Massenarbeitslosigkeit und den Zumutungen der Medien.
Zöllner, in Baden-Baden lebende Fernsehredakteurin des SWR, liefert mit ihrem zweiten Roman ein Buch, das einige Lesarten zulässt. Als Provinzroman taugt er ebenso wie als ernüchternde Beichte einer emanzipierten Frau. Am wortmächtigsten und überzeugendsten schreibt Zöllner dort, wo sie tief in die deutsche Provinzseele blickt und beispielsweise den über 60jährigen Teil von Robertas Familie in gewichtigen Dialogen und saarländischem Idiom fern von druckreifen Schlagzeilen über die Liebe und das Leben schwadronieren lässt. (Anke Breitmaier)
(Dumont Verlag, August 2009, ISBN 978-3-8321-9526-7, 367 Seiten, 19,95 Euro)
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