Frankfurt/Main (AP) Ein Gespenst geht um in den Kinos. Es ist das Gespenst der 3-D-Animation, die auf Beamen und Blechen durchgesetzt werden soll. Das neueste Vorzeigemodell der dreidimensionalen Leistungsschau ist das am (morgigen) Donnerstag anlaufende Fantasy-Märchen «Disneys - Eine Weihnachtsgeschichte». Darin wird Charles Dickens' viktorianische Schauermär vom Geizhals Ebenezer Scrooge, der an Heiligabend von Geistern heimgesucht wird, als 3-D-Animationsshow mit realen Schauspielern präsentiert. Diesen Artikel weiter lesen
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Performance-Capture heißt jene Technik, mit der Bewegungen und Mienenspiel digital aufgezeichnet und in 3-D-Systeme übertragen werden - und dann umgemodelt werden können, bis die Mouse quietscht. Als oberster Grimassenschneider Hollywoods bietet Jim Carrey dafür dankbares Material.
Er «spielt» sowohl Scrooge, vom netten jungen Mann bis zum verknöcherten Kinderschreck, wie auch die drei Geister, die ihn auf einen rasanten Trip in Vergangenheit und mögliche Zukunft mitnehmen. Mit Gary Oldman als seinem leidgeprüften Sekretär und als Wiedergänger seines verstorbenen Kompagnons, sowie Bob Hoskins und Colin Firth, wurden noch mehr Stars eingescannt.
Auch in dieser x-ten Verfilmung des Dickens-Klassikers also muss dem alten Knacker Scrooge heftig Angst eingejagt werden, auf dass er sein Herz und seinen Geldbeutel öffne. Sonst, so Dickens handfeste Moral, wird zu seiner Beerdigung keiner weinen, wird die Dienerschaft sein mühsam zusammengerafftes Hab und Gut stehlen; auch Scrooges jenseitige Perspektive ist ausgesprochen ungemütlich.
Bekehrt sich der Cent-Fuchser aber zum Wohltäter, der seinem kinderreichen Angestellten das Gehalt erhöht, Almosen verteilt, sich mal das Heizen der Bude und eine Party gönnt, dann wird auch sein Leben schöner.
Der böse Onkel, der in die Luft geht
Tatsächlich lehrt die Geisterparade, die mit dem Phantom seines verstorbenen Geschäftspartners Marley beginnt, sowohl Scrooge wie den Zuschauer das Gruseln. Der bläulich schimmernde, angekettete Marley, eine wilde Jagd mit Kutsche, der drohende Schatten des Sensenmanns und ein Kerzenflammen-Geist, der den alten Scrooge in die Lüfte katapultiert, sowie sein eigener Grabstein sorgen für schauerromantische Gänsehaut-Szenarien. Allegorische Figuren wie ein gargantuahafter Riese, der in seinem Gewand zwei zombiehafte Bettelkinder verbirgt, weisen auf Dickens sozialpolitische Mission hin.
Doch der zeitgeschichtliche Hintergrund kommt in dieser albtraumhaften Achterbahnfahrt ebenso zu kurz wie die Ursache für Scrooges' Entwicklung zum knickerigen Hagestolz. Und so toll seine Flüge im Nachthemd durch eisige Gassen aussehen, so schemenhaft bleiben die dortigen Zustände; Polanskis «Oliver Twist» etwa machte das Elend in den Straßen des historischen London weit ergreifender spürbar. In dieser computeranimierten Version wirkt Armut vor allem dekorativ: Letztlich erweist sich, nach Zemeckis missglückten Motion-Capture-Abenteuern «Der Polarexpress» und «Die Legende vom Beowulf», die Machart erneut als fauler Zauber.
Ein wenig wie Landschaften in einer Schneekugel
In ihren besten Momenten erinnern die 3-D-Effekte aus dem winterlichen London ein wenig an Landschaften in einer Schneekugel, ist die Vogelperspektive auf Londoner Dächer berückend. In ihren dürftigsten Momenten aber meint man, ein Computerspiel zu betrachten: Da machen etwa die «Harry Potter»-Unholde, obgleich in 2D, mehr Eindruck. Echte Anteilnahme wecken die puppenhaften Wesen mit ihrem Glasaugenblick nie, wirken gar selbst unheimlich. Und wenn sie dazu noch unablässig Weihnachtslieder absingen, scheint der alte Weihnachtshasser Scrooge irgendwie Recht zu behalten.
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