Kabul (AP) Man ist nervös in Kabul. Immer wieder Anschläge, der Frieden mag nicht kommen, die zunehmende Stärke der Taliban beunruhigt. Und dennoch gehen Männer im weißen Anzug mit ihren Burka-verhüllten Frauen durch die ruhigen Viertel spazieren. Im heruntergekommenen Zoo bestaunen Besucher den schlafenden Löwen und die in der Sonne faulenzenden Bären. Kleine Jungen lassen bunte Drachen steigen. Die Stadt gibt nicht auf. Zäh klammert sie sich an die Überbleibsel besserer Tage. Heute scheinen sie wie Nischen der Normalität, wie Geheimnisse beinahe. Diesen Artikel weiter lesen
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Muße im Garten des Moguls
Mohammed Asis ist der beste Tänzer. Der 18-jährige Student wirbelt zum Schlag der Trommeln, das schwarze Haar fliegt, er tanzt sich die Seele aus dem Leib, bis die Rivalen einer nach dem anderen aufgeben und nur noch er allein sich wie in Trance dreht. Er strahlt, als hätte er den Erzfeind bezwungen.
Tausende Kabuler kommen freitags in die Bagh-e-Babur-Gärten über der Stadt. Sie picknicken, spielen Karten oder Karambol, ein Billard-ähnliches Spiel auf einem Sperrholzbrett, oder machen es sich einfach auf dem Rasen bequem. Der Park mit dem Grabmal des ersten Großmoguls Babur stammt aus dem 16. Jahrhundert. Er wurde im Bürgerkrieg der 90er verwüstet und kürzlich wiederhergestellt.
Jeden Freitag spielen Trommler auf und junge Männer versammeln sich zum Attan, einem Reigentanz. «Tanzen ist wunderschön», sagt Asis, erhitzt und außer Atem. «Es ist wie ein Wettbewerb. Ich will zeigen, dass ich stark bin, also mache ich weiter, bis alle anderen müde werden.» Außerdem: «Gute Tänzer kommen bei den Mädchen an», lacht er.
Magie für Schreikinder
Schirai schreit und schreit. Die Mutter versucht vergeblich, den Kleinen zu trösten, dem zwei Monate alten Baby laufen unaufhörlich die Tränen übers Gesicht. Der Heiler Mohammed Humajun spult Meter um Meter braunes Garn ab, so dass jeder Zentimeter das alte Grabmal in der Mitte des Raums berührt, dann knüpft er daraus ein Armband für Schirais winziges Handgelenk. Es funktioniert. Der Kleine ist endlich still. Er schließt die Augen und schlummert ein - erschöpft vielleicht von all dem Geschrei.
Zufrieden reicht der Vater dem Heiler diskret einen kleinen Geldschein. Er sei von weither gekommen, erklärt der Bäcker Abdul-Manan, weil sein Sohn unentwegt geweint habe. «Aber jetzt, so Gott will, geht es ihm gut.»
Der Schrein Aschkans und Arefans - zweier Brüder, die den Islam nach Afghanistan gebracht haben sollen - ist eines von vielen kleinen Heiligtümern in der Altstadt oder in den Bergen um Kabul. Hier suchen Afghanen spirituellen Trost und versichern sich der alten Sitten und Gebräuche. «Die Eltern bringen ihre Kinder zu mir, und ich finde etwas, das ihnen hilft», sagt der alte Heiler. «Manche Kinder sind von Geistern besessen, aber ein Zauber von mir vertreibt sie.»
Alte Schönheit und neuer Schrecken
Jussef Asefis Freunde finden, er solle Eintritt nehmen für seine Galerie. Er glaubt nicht, dass das Sinn hat. «Schau doch», sagt er: «Jetzt kann jeder gratis rein, und außer dir und mir ist niemand da.» Asafis Galerie in der Innenstadt ist voll mit seinen Ölgemälden, die in der Dämmerung kaum zu erkennen sind.
«Kabul ist verwundet, und nichts wird unternommen, die Wunden zu heilen», sagt Asefi über seine Heimatstadt. Eines seiner Bilder zeigt die Verwüstung der Altstadt: Eine Rakete im Boden, verstreutes Mobiliar und Blutlachen ringsumher. Ein anderes Werk ist inspiriert von der Zeichnung eines westlichen Reisenden, der im 18. Jahrhundert nach Kabul kam; es zeigt in leuchtenden Farben eine lebhafte Marktszene. «Jeder träumt davon, die Pracht von Kabul wiederhergestellt zu sehen», sagt Asefi. «Doch niemanden scheint es zu kümmern.»
Verborgene Schätze
Omara Chan Massudi hütete einst das größte Geheimnis von Kabul. Damals war der Direktor des Afghanischen Nationalmuseums einer von ein paar Kuratoren, die aus Sorge um die unschätzbare Sammlung des Museums 1988 beschlossen, so viele der kostbaren Stücke wie nur möglich zu verpacken und an einem geheimen Ort in Sicherheit zu bringen. Kurz nach dem Abzug der Sowjettruppen 1989 brach der Bürgerkrieg aus, das Museum wurde schwer beschädigt und sein Bestand zu 70 Prozent geplündert. Doch die versteckten Exponate blieben unversehrt.
Von der heldenhaften Rettung der Museumsschätze erzählt der 58-Jährige mit großem Vergnügen. Seine anderen Geschichten sind weniger lustig. Die Zeit sei noch nicht reif, die Kunstwerke wieder auszustellen, bedauert er. «Es ist besser geworden in Kabul, aber nicht hundertprozentig sicher.»
Das 2003 wiedereröffnete Museum liegt an einer ungeteerten Straße mit Splitterschutzwänden, gegenüber der Ruine eines königlichen Palasts. Nur wenige Besucher nehmen den teuren Weg aus der Innenstadt auf sich. Besuche von Schulklassen werden nicht mehr organisiert. Touristen kommen selten, dieses Jahr ganze drei Gruppen mit insgesamt rund 50 Personen. «Die alte kultivierte Klasse Kabuls hat die Stadt in den letzten 30 Jahren verlassen», sagt der Direktor. «Übriggeblieben sind arme Leute, die ums tägliche Brot zu kämpfen haben.»
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