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20 Jahre nach der Wende Und wenn sie Panzer schicken? -Hintergrund

Berlin (AP) Und wenn sie Panzer schicken? Wenn sie Schabowski abholen? Wenn sie am Brandenburger Tor schießen? Am Brandenburger Tor! War der Einsatz von Feuerwehrschläuchen gegen die übermütig tanzende Menge auf der Mauer dort vielleicht der Auftakt zu einer Tragödie mit scharfen Waffen? Am 9. November vor 20 Jahren, einem Donnerstag, war das. Vorausgegangen war die heute historische Eilmeldung von AP «DDR öffnet Grenzen». Diesen Artikel weiter lesen

Meine Eilmeldung von 19.05 Uhr gilt heute der Zeitgeschichte als der erste Schneeball, der im Zusammenwirken mit anderen Medien die Menschenlawine auslöste, unter deren Druck der Grenzwall des Regimes zerbarst. «Nach meiner Kenntnis ist das sofort, unverzüglich...» hatte SED-Politbüromitglied Günter Schabowski wenige Minuten vorher auf seiner berühmten Pressekonferenz über die neue Reiseverordnung erklärt.

Alle DDR-Bürger könnten über alle Grenzübergänge ausreisen, sagte er. Sie müssten sich nur bei der Volkspolizei ihre Pässe holen. Die würden kurzfristig ausgestellt. Das bedeutete: Die Mauer als tödliche Sperre war dieser Sekunde faktisch weg.

Soljanka aus Langeweile

Als Schabowski geendet hatte, waren wir zunächst perplex. Wir, das waren im alten AP-Westbüro am Kurfürstendamm neben mir - dem Verantwortlichen für unsere Operationen in beiden Teilen der Stadt - die AP-Korrespondenten Annette Ramelsberger, heute Bayern-Chefin der «Süddeutschen Zeitung», und Jürgen Metkemeyer, zuletzt Chefredakteur der «Pforzheimer Zeitung». Haben wir dann wild diskutiert? Ich weiß es nicht mehr. Irgendwie ist mir heute, jemand hätte die Worte «Die DDR ist weg!» geschrien.

Im Ostberliner Pressezentrum in der Mohrenstraße, wo die Pressekonferenz Schabowskis um 18.00 Uhr begonnen hatte, hörte unser ständig akkreditierter DDR-Korrespondent Ingomar Schwelz zu. Auf der Lauer im Saal lagen die Fotografen Rainer Klostermeier und Andreas Schoelzel.

Die Pressekonferenz lief über gut 50 Minuten so einschläfernd, dass sich Schwelz zur Abwechslung eine Soljanka aus der Kantine holte. Im Westbüro verfolgten wir die Live-Übertragung im 2. DDR-Fernsehen. Ich saß am Computer, während die beiden Kollegen vor dem uralten Röhren-TV saßen und mitschrieben.

Den Genschman machen

Plötzlich stellen sich unsere Nackenhaare auf. Der italienische Kollege Riccardo Ehrman hatte gerade nach dem Reisegesetz gefragt - die einzige Frage, die Schabowski nach seiner langatmigen Präsentation noch zuließ. Und Schabowski sprach gleich im ersten Satz seiner Antwort von dem «Bedürfnis der Bevölkerung, zu reisen und die DDR zu verlassen». Hieß das jetzt, er stellt die Mauer zur Disposition? Schabowski blieb an dieser Stelle noch zu vage.

Dabei war ein Wort der SED zur Mauer von höchster Dringlichkeit. Schon lange vor dem Sturz von DDR-Staats- und Parteichef Erich Honecker am 18. Oktober wirkte die DDR wie ein volles Wasserbecken, bei dem der Stopfen gezogen wurde. Gleichzeitig mit den Flüchtlingswellen schwoll die Menge derer an, die bleiben wollten und dies auch öffentlich skandierten.

Die AP-Zentralredaktion in Frankfurt/Main hatte uns in diesen Tagen über Anrufe von angeblichen Menschenrechtsorganisationen informiert, wonach sowjetische Panzer in Ostberlin und Leipzig ausrückten. Wir rasten jedesmal durch das nächtliche Westberlin zum Hochstand vor der Mauer am Potsdamer Platz und machen den «Genschman» - eine Cartoonfigur, die den damaligen Außenminister Hans-Dietrich Genscher als Superman zeigte: Wir hielten uns Schirmmützen an die Ohren wie riesige, nach vorn gerichtete Schalltrichter. Aber kein Motorheulen, keine Panzerketten. Nichts. Heute glaube ich, die Anrufer waren Stasi-Provokateure, die uns zu unbedachten Meldungen provozieren sollten.

Schließlich ließ Schabowski doch noch die Bombe platzen mit der Feststellung über das Reisegesetz und den Worten «unverzüglich, sofort».

«Wisst ihr, was das bedeutet?»

Der Nestor und Pionier der DDR-Berichterstattung, Karl-Heinz Baum von der «Frankfurter Rundschau», rannte von der Pressekonferenz ins Ostberliner AP-Büro oben im DDR-Pressehaus. Wie durch ein Wunder kam er sofort per Telefon ins Westbüro zu uns durch. «Wisst Ihr, was das bedeutet?» trompetete seine Stentor-Stimme aus dem Hörer. Zu diesem Zeitpunkt war nach meiner Erinnerung die entscheidende AP-Meldung «DDR öffnet Grenzen» gerade abgeschickt.

Ich gebe zu, ich fühlte mich in der folgenden Hektik des Nachrichtenschreibens zwiespältig. Mein Kopf war voller Fragen: Hatte ich mit der Formulierung überzogen? Hatte Schabowski vielleicht nur die ausreisewilligen DDR-Bürger gemeint? Was war dann mit den anderen, die nach dem Bier am Kudamm wieder zurückwollen? Und was würde aus meiner Meldung, wenn die DDR-Staatsmacht die soeben für offen erklärten Grenzen mit Bajonetten wieder schließt?

Schabowski hatte abwechselnd von «ständiger Ausreise» und von «Privatreisen nach den Ausland» gesprochen. Der Politologe Hans-Hermann Hertle vom Potsdamer Zentrum für Zeithistorische Forschung schreibt dazu, «dass die Schabowski-Mitteilung einen Interpretationsspielraum enthielt, den die Journalisten in Ermangelung einer präzisen Information zu füllen begannen, womit sie auf ihre Weise das Heft des Handelns in die Hand nahmen.» Konsequent nennt der Grimme-Preisträger die AP-Meldung von damals daher auch «zwar nicht unbedingt falsch, aber auch nicht gerade präzise».

Formelle Klarstellung

Eine formelle Klarstellung brachte die amtliche DDR-Nachrichtenagentur ADN erst um 17.23 Uhr des folgenden Tages. Danach gelte die Öffnung sowohl für Besuchsreisen mit Rückkehr als auch für den Wegzug aus der DDR. Aber da hatten die DDR-Bürger die Grenze schon längst gestürmt.

Wie zur Bestätigung gab Genscher eine halbe Stunde nach dieser ADN-Meldung in Berlin bekannt, dass die DDR weitere Grenzübergänge öffne. Ich gab die von Metkemeyer und Ramelsberger vom Rathaus Schöneberg aus hastig hereintelefonierte Meldung «DDR bricht Mauer auf» als eine sogenannte Blitz-Meldung um 18.06 Uhr heraus. Kollege Hans-Jürgen Moritz, heute «Focus», hat die Meldung mit dem höchstmöglichen Prioritätsgrad geschrieben.

«Lass ihn reden»

Zurück zu Schabowski: Das Ostberliner Ehepaar Astrid und Lutz Wagner - sie arbeitet heute im vereinigten Berliner AP-Büro in Mitte - sah sich die Pressekonferenz ebenfalls an. Für beide war der wichtigste Teil, dass die Meldestellen kurzfristig die Reisepapiere ausgeben würden. Sie wollten sich gleich am Freitagmorgen danach anstellen. Aber nach den nächtlichen TV-Bildern von den Menschenmassen an den Übergängen zogen auch sie los und kehrten aus Westberlin erst gegen 5.00 Uhr wieder zurück.

Anders unsere damalige Redaktionssekretärin im Ostbüro, Barbara Knuth: Erschöpft von Spätschichten, dachte sie über Schabowskis Ausführungen nur noch: «Lass ihn reden.» Zu Hause verschlief sie alles. Sie wohnte nahe dem damaligen Grenzübergang Bornholmer Straße, wo die größten Menschenmassen nach Westen strömten.

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