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20 Jahre nach der Wende 100 D-Mark für einen Besuch in der bunten Welt -Hintergrund

Berlin (AP) Schon nach kurzer Zeit wurde in Westberlin das Geld knapp. Mit einer Militärmaschine ließ die Landeszentralbank im November 1989 tonnenweise D-Mark-Scheine einfliegen, um den Ansturm der DDR-Bürger auf Banken und Zahlstellen zu bewältigen. Selbst der Regierende Bürgermeister Walter Momper ließ es sich nicht nehmen, im Rathaus Schöneberg bei der Verteilung des Geldes mitzuhelfen. «Das war eine Situation, die man nur einmal im Leben hat», sagt der SPD-Politiker heute. Diesen Artikel weiter lesen

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Nach der Öffnung der Grenzen am 9. November setzte ein beispielloser Strom von DDR-Bürgern nach Westberlin und in die Bundesrepublik ein. Die erste Anlaufstelle war für die meisten eine der Zahlstellen, wo man die begehrten 100 D-Mark bekommen konnte. Denn mit der schwachen Ostmark war bei einem Besuch im Westen nichts anzufangen.

Die innerdeutsche Grenze teilte das Land nicht nur in zwei politische Systeme, sondern auch in Arm und Reich. Auf der einen Seite das marode DDR-System, in dem es praktisch an allem mangelte. Auf der anderen Seite die kraftstrotzende westdeutsche Volkswirtschaft, damals schon die drittgrößte der Welt. Und das Symbol für den Erfolg war ihre Währung, die im Osten hoch gehandelt wurde. «Das Westgeld war wie ein Fetisch und hatte eine riesige Bedeutung für die Menschen», sagt der Hallenser Psychoanalytiker Hans-Joachim Maaz.

Wer in der DDR Westgeld hatte, konnte nicht nur begehrte Westwaren in den staatlichen Intershops kaufen. Auch Handwerker bekamen oft das Geld zugesteckt, und wer sogar ein paar Tausend Westmark besaß, musste nicht wie die meisten Bürger mehr als 15 Jahre auf einen Trabant oder Wartburg warten.

15 D-Mark vom Osten, 100 vom Westen

Zwar konnten die wenigen DDR-Bürger, die vor November 1989 in die BRD reisen durften, zum Kurs von 1:1 15 D-Mark in ihrem Land eintauschen. Doch der Betrag erlaubte schon damals keine großen Sprünge im Westen. Ohne das Begrüßungsgeld, das seit 1987 einmal im Jahr in der Höhe von 100 D-Mark ausgezahlt wurde, hätten die meisten mit praktisch leeren Händen im Land des Wirtschaftswunders dagestanden.

Und so brach am Morgen des 10. November ein Sturm über Behörden und Sparkassen in Westberlin und allen Grenzstädten von Lübeck bis Hof herein. In Helmstedt bei Braunschweig warteten schon vor der Öffnung des Rathauses 200 DDR-Bürger vor der Tür. In Berlin blieben viele Banken und Sparkassen in den ersten Tagen bis tief in die Nacht geöffnet. Regierungschef Momper setzte durch, dass in jeder Landesbehörde eine Zahlstelle eingerichtet und dort das Geld ausgegeben wurde.

Die Lage in der Stadt und in den Grenzorten in Westdeutschland war in den ersten Tagen nach dem Mauerfall chaotisch. Überall, wo in Westberlin große Einkaufszentren waren, kam der Verkehr zum Erliegen. Die Polizei musste den Kurfürstendamm sperren. «Überall standen Leute 'rum, studierten Pläne oder fragten nach dem Weg», sagt Momper.

Oft leerten sich in kurzer Zeit die Regale in den Geschäften. Besonders gefragt waren Kassettenrekorder, Walkmen, Uhren, Jeans, Schallplatten und Südfrüchte. Die Künstlerin Peggy Meinfelder beschäftigt sich noch heute mit Gegenständen, die damals vom Begrüßungsgeld gekauft wurden. «Sie befinden sich in einer Schnittstelle: Sie repräsentieren das Kaufverhalten und die Wünsche der DDR-Bürger, aber die realen Objekte kennzeichnen schon das marktwirtschaftliche System», sagt die in München lebende Thüringerin, die für ihr Projekt «100 Westmark» viele Gegenstände sammelte, die ihre Mitbürger damals kauften.

Sparsame Ossis

Viele DDR-Bürger waren aber sparsam und kauften wenig oder gar nichts. Deswegen wurde in Berlin auch schnell das Geld knapp. «Die hatten keine Gelegenheit zum Geldausgaben», sagt Momper heute. Für viele Einzelhändler und Gastronomen sei es eine Ehrensache gewesen, den Neuankömmlingen Waren zu schenken.

Auch auf den Berliner Einkaufsstraßen wollten die meisten DDR-Bürger vor allem eines: gucken. «Der Gang durch das Kaufhaus ist für viele Menschen ein ganz großes Erlebnis», sagte damals eine Sprecherin vom edlen Kaufhaus des Westens (KaDeWe).

Die Beobachtungen Mompers wurden im Dezember 1989 von einer Umfrage in der DDR bestätigt: Ein Drittel der Befragten gab damals fast keinen Pfennig der Devisen aus, nur ein Viertel verbrauchte mehr als die Hälfte des Begrüßungsgeldes.

Und schon ab Januar entspannte sich die Devisensituation für DDR-Bürger mit der Einrichtung eines Reisefonds. Fortan fiel das Begrüßungsgeld weg. Reisewillige konnten stattdessen ihre DDR-Mark im Kurs 3:1 gegen harte Währung eintauschen.

Obwohl der Ansturm auf das Begrüßungsgeld 1989 nur wenige Wochen dauerte, sehen nach Einschätzung des Hallenser Forschers Maaz viele DDR-Bürger die Hilfe heute kritisch. «Es war eine Geste, die damals sehr freundlich und wohlwollend verstanden wurde», sagt der Psychoanalytiker, der sich seit vielen Jahren mit deutsch-deutschen Problemen beschäftigt. «Später wurde das vielen peinlich. Das ist wie ein Köder empfunden worden.» Nach Maaz' Einschätzung kippte die Stimmung, als später im Osten viele Betriebe abgewickelt, Hunderttausende arbeitslos und damit die Schattenseiten der Marktwirtschaft deutlich spürbar wurden.

http://www.100westmark.de/

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