Frankfurt/Main (AP) In der CD-Corner werden die aktuellen Alben von Rammstein, Shirley Bassey, Bon Jovi, Benjamin Biolay und Raz Ohara vorgestellt. Diesen Artikel weiter lesen
--- «Liebe ist für alle da» - Rammstein (Universal)
Sex sells. Nachdem die Nazi-Masche sich endgültig abgenutzt hat, versuchen es Rammstein also mit der Liebe - und vor allem mit deren Abarten. Die ersten beiden Songs «Rammlied» und «Ich tu dir weh» geben einen ersten Geschmack auf das, was mit dem Album-Titel «Liebe ist für alle da» gemeint ist. Im Song «Wiener Blut» widmete man sich dem Inzest-Fall von Amstetten. Für die erste Single «Pussy» produzierte man ein astreines Porno-Video und demonstriert die eindrucksvolle Vielfalt der deutschen Wortfelder für männliche und weibliche Geschlechtsteile. Ansonsten bewegt sich Sänger Till Lindemann textlich auf dem gewohnten Klospruch-Niveau. Kostprobe aus dem Titelsong: «Wer ficken will, muss freundlich sein.» Um die internationalen Märkte zu bedienen, wird mit Testosteron-geschwängerter Stimme und rollendem «R» auch noch fleißig «Germany, Germany» gegröhlt. Ob sich das Goethe-Institut über diese Art der Verbreitung deutscher Kultur freut, mag dahingestellt bleiben. Doch es wäre ohnehin falsch, auf vergleichsweise billige Provokationen anzuspringen - ebenso wie zu versuchen, Rammstein einen tieferen Sinn zu geben. Rammstein sind einfach Rammstein. Ach ja, und da wäre noch die Musik: Die klingt eigentlich wie immer, wobei die Single «Pussy» sicherlich der eingängigste Song ist. (Stephan Köhnlein)
--- «The Performance» - Dame Shirley Bassey (Polydor/Universal)
Mit «Born To Sing The Blues» begann Shirley Bassey ihre Karriere. Das war 1957. Der Bond-Film Hit «Goldfinger» und das von ihr gesungene Titellied machte sie in den 60ern zum Superstar, zur Diva - und weil sie alles andere als ein «One Hit Wonder» ist, wurde die Waliserin von der Queen zur Dame erhoben. Nun, 52 Jahre nach «Born To Sing The Blues», stellt sie mit «The Performance» ihr erstes Studioalbum nach der Jahrtausendwende vor - und klingt alles andere als alt. 72 Jahre ist die Frau mit dem großen Stimmvolumen jung, und die Lieder, die sie sich auf den Leib schrieben ließ, trägt sie mit einer Leidenschaft vor, die nur wenige in dieser Intensität auf einen Tonträger bannen können. Dabei gefallen die Stücke am besten, deren Autoren man mit Dame Bassey vorher nicht unbedingt in Verbindung gebracht hätte: Rufus Wainwrights «Apartment» und «Girl From Tiger Bay», das ihr die walisischen Landsleute Manic Street Preachers geliefert haben. Ganz großes Kino: «The Performance Of My Life» aus der Feder der Pet Shop Boys. Bassey gehört auch 2009 zur absoluten Spitzenklasse - nicht wegen ihres Namens und ihrer großartigen Karriere, sondern wegen dieses Album mit elf wunderschönen Song-Diamanten. (Uwe Käding)
--- «The Circle» - Bon Jovi (Island/Universal)
So schließen Bon Jovi immer wieder den Kreis: Nach einer Phase, in der die US-Band musikalisch zu überraschen wusste, kommt wieder ein Album mit simplen Stadionrock-Refrains, den großen Rocker-Posen und den bewährten Standard-Riffs. «The Circle» heißt das Werk, aus dem zum Fall von Berliner Mauer und Eisernem Vorhang nun ganz oft «We Weren't Born To Follow» aus dem Radio dröhnt. Ein bisschen Provokation in Rock, die Routine großen Könnens und die Raffinesse, durchaus interessante Texte in die letztlich immer gleiche Bon-Jovi-Musikmaschine zu packen, machen den Erfolg der Band um Jon Bon Jovi und Richie Sambora aus. «Work For The Working Man» ist ein in eine harmlose Ballade verpackter Song über den neuerlichen Verrat an den einfachen Leuten in den USA, denen eine von grenzenloser Gier ausgelöste Krise Job und Altersversorgung kostet. Im Stil von «Lost Highway» hätte «The Circle» ein richtig gutes Album sein können. So ist es nur ein weiteres massenkompatibles Bon-Jovi-Album geworden. (Uwe Käding)
--- «La Superbe» - Benjamin Biolay (Naive/Indigo)
Benjamin Biolay ist erneut ein musikalischer Zapfenstreich gelungen: Sein fünftes Album «La Superbe» ist die perfekte Melange zwischen Chanson und Pop. Diesmal hat das französische Multitalent 22 Songs auf ein Doppelalbum gepackt. «La Superbe», was soviel wie «Das Himmlische» bedeutet, behandelt zwei getrennte Teile: Auf der «Disque 1» läuft der 36-jährige «Nouvelle Scène»-Sänger in gekonnter Crooner-Manier zu Hochformen auf. Intensiv, verletzlich, melancholisch singt Biolay von Alltagsgeschichten. Auf «Disque 2» greift der Arrangeur in die musikalische Experimentierkiste, holt Gitarre, Streicher, Synthesizer oder Klavier hervor oder lässt Frauenstimmen ins Mikrofon hauchen. Samtige Popsongs treffen auf facettenreiche Chansons. Kunstvoll arrangierte Songs wie der Titeltrack «La Superbe», die Jazz-Ballade «La Toxicomanie» oder intensive Duett «Brandt Rhapsody» gehen nahtlos in experimentelle, treibende Tracks wie «L'Espoir Fait Vivre» oder «Lyon Presque'Île» über. Nicht umsonst wird Biolay als der Retter des Chansons bezeichnet. (Claudia Ziemer)
--- «II» - Raz Ohara And The Odd Orchestra (Get Physical Music)
Der grandiose Däne Raz Ohara und sein Odd Orchestra sind zurück. Ihr zweites Album heißt schlicht und ergreifend «II» und ist ein warmes, avantgardistisches Wohlfühlpaket voller sanfter Elektro-Pop-Melodien. Wie bereits auf dem selbstbetitelten Vorgänger öffnet uns der Künstler eine grenzenlose Sammlung beruhigender Songs, auf denen Oharas Stimme weniger herumjammert, sondern in Schwung kommt, experimentiert, wie auf dem groovigen Track «The Burning (Desire)» oder «Losing My Name». Der in Berlin lebende Musiker nahm sein neues Werk zusammen mit Gitarrist Tom Krimi auf dem Land auf. Man spürt frische Landluft förmlich in den Songs und hört die Fliegen, Vögel und Bienen durch das Unterholz summen, flattern, zwitschern (»Wildbirds»). Der melancholische Opener «The Burning (Desire)» zieht mit seinen jazzigen Shuffle-Beats, knackigen digitalen Sounds und mehrspuringen Ohara-Vocals sofort in seinen Bann. «Kingdom» überrascht mit seinen rückwärtslaufenden Effekten, ungewöhnlichen Beats und schönen Xylophon-Loops. «II» ist im Gegensatz zu dem Erstlingswerk fröhlicher, energiegeladener, weniger getragen und schwermütig. Mit dem emotionalen «Praise The Day (No One Owes You Nothing)» endet «II». Diesmal nehmen uns Ohara And The Odd Orchestra mit auf eine hoffnungsvolle Reise. (Claudia Ziemer)
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